Wenn gar nichts mehr geht, dann musst du den Seeigel kitzeln

Wenn ich meinen Geist beruhigen möchte, setze ich mich gerne vor mein Meerwasseraquarium. Dann picke ich mir eine winzige Szene aus dem kleinen Lebensraum raus und die Faszination befreit meinen Kopf ganz automatisch von Energie raubenden Gedanken.

Mit Tee und Nüssen mache ich es mir vor dem Krabbenkino gemütlich. Ein hochmotivierter, blaufüßiger Einsiedlerkrebs fesselt meinen Blick. Unterwegs auf dem Immobilienmarkt bezugsfertiger Schneckenhäuser, tastet er sich an sein favorisiertes Objekt heran. Mit kaum erkennbaren, winzigen Fühlerchen begutachtet er den potentiellen neuen Wohnraum und wie gut die Fassade erhalten ist. Zwei Zimmer, Küche, Bad im Vintage Style. Es gefällt ihm. Aktuell ist er eher als der “Landhaus Typ” im Becken bekannt. Doch schon seit einer Weile geht ihm der Krabbenklatsch über sein renovierungsbedürftiges Heim mächtig auf den Panzer. Der Trend im Wohnzimmerozean geht eher in Richtung futuristisch, aber dafür ist er im Herzen doch zu konservativ. Vintage erscheint ihm nun ein guter Kompromiss und damit wird er auch nicht zum Gespött der unverschämten Garnelenbande.

Ganz versunken in sein neues Projekt, bemerkt der eifrige Gliederfüßler nicht, wie sich lautlos gleitend der Seeigel auf ihn zubewegt. Der hat auch großes Interesse an einem Häuschen. Doch nicht um hinein zu kriechen, sondern um es sich zur Tarnung an seinen kalkkernigen Körper zu heften.

Als der Krebs das Stacheltierchen bemerkt, ist es schon zu spät. Der Leisekriecher hat angedockt und das Haus mit Krebs drin klebt am kugeligen Leib des Seeigels.

“Das die sich auch immer so heimtückisch anschleichen müssen”, ärgert sich der Gefangene und versucht sich vergeblich im losen Sand des Beckengrundes festzuhalten. Okay, keine Panik. Er versucht sich schwer zu machen und klammert sich an ein anderes, leerstehendes Schneckenhaus. Keine Chance. Der Seeigel wandert algenlutschender Weise die Glasscheibe nach oben hinauf und mit ihm der verzweifelt zappelnde Landhausbesitzer. Dieser ist überhaupt nicht schwindelfrei und jeder Millimeter Richtung Beckenrand lässt sein Krebsherzchen stärker pochen, sodass er Angst hat, gleich auch noch einen Schalenriss in Brusthöhe zu erleiden. Und nicht nur die Höhe macht im Angst, sondern jetzt auch noch die immer wieder vorbeischwimmenden Fische. Jeder Krebs weiß genau, dass der gelb leuchtende Kaninchenfisch zwar für Landhäuser nichts übrig hat, aber auf jeden Fall für deren Bewohner! Das Schalentier schwitzt. Was glaubt ihr denn, wie das Salz ins Meerwasser kommt!?

Plötzlich macht der Seeigel halt. Eine Schnecke blockiert seine Futterbahn. Der Krebs spürt, wie der Seeigel zur Muskelkugel mutiert, weil er die grasende Schnecke entschlossen aus der Bahn schieben will.

“Das kann dauern”, freut sich der Entführte schadenfroh. Schnecken haben viel Zeit. Wenn sie sich erstmal fest gesaugt haben, dann meinen sie das auch so. Und auch ein hungriges Stacheltier wird sie nicht so schnell vom Gegenteil überzeugen.

“Das ist meine Chance”, jubelt das tapfere Einsiedlerherz! Er erinnert sich an seine Kindheit in der Riff-Kita. Einsiedler und Seehasen waren immer zusammen in einer Gruppe. Der Platz im Aquarium ist leider begrenzt. Seehasen sind nette Leute. Sie sehen ein bisschen aus wie verbreiterte Nacktschnecken. Wenn sich die Krebse mit den Seehasen gerauft haben, dann war es der Trick der Kriechtiere, sich einfach auf die Krabbler drauf zu legen und sie festzunageln. Um sich zu wehren, haben die Krabbler dann einfach angefangen mit allen Beinchen, Zängelchen und Fühlerchen die Last von sich weg zu kitzeln. Das hat immer geklappt. Seehasen sind super kitzelig!

“Und das wird auch jetzt klappen”, spricht sich der schwebende Nomade selbst Mut zu. Er streckt alles was er hat von sich und erreicht den tentakeligen Körper seines Kidnappers quasi rücklinks über Kopf. Und jetzt gibt er Kitzel-Vollgas! Der Seeigel der immer noch an der störrischen Schnecke rum macht, wirkt auf einmal irritiert. Sein Muskelapparat lockert sich. Er kann sich nicht gleichzeitig auf das Schneckenhindernis und den rebellischen Einsiedler konzentrieren. Seeigel haben eigentlich kein richtiges Gehirn. Nur einen Nervenring. Und dieser Nervenring wird gerade ganz schön von seinem Mitreisenden strapaziert. Wenig Gehirn hat einen Vorteil: Entscheidungen können sehr schnell getroffen werden.

Plumps. Der Freiheitskämpfer sinkt nach unten auf den sicheren Meeresgrund und landet direkt neben seiner auserwählten Immobilie. Nach der ganzen Aufregung nun alle acht Füße im neuen Zuhause hochlegen, klingt sehr verlockend.

Und die Moral von der Geschicht’: Einen Kitzelmeister entführt man nicht.

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