There is a “crash” in everything

Den Führerschein zu besitzen bedeutet die Lizenz zu haben, sich in einem motorisierten Fahrzeug durch den öffentlichen Verkehr bewegen zu dürfen. Meine Motivation in die Fahrschule zu gehen waren damals Freiheit und Unabhängigkeit. Um mich noch autonomer zu fühlen, habe ich zusätzlich die Fahrerlaubnis für ein Motorrad erlangt. Wie viel Freiheit habe ich wirklich, wenn ich hinter dem Lenkrad sitze?

Sich in oder auf ein Fahrzeug zu setzen bedeutet auch in Kauf zu nehmen, dass es eines Tages zu einem Unfall kommen könnte. Egal ob ich selbst den Crash verursache oder ein anderer Verkehrsteilnehmer verantwortlich ist. Würde Angst beim Traum von Freiheit im Vordergrund stehen, wären die Fahrschulen wahrscheinlich leer oder spärlich besucht.

Der Führerschein ist eine schöne Parabel für unser Leben. So habe ich mich gefragt, wie wir eigentlich die Lizenz zum leben erlangt haben? Für mich ist die Antwort klar: Durch unsere Geburt! Jetzt könnten wir behaupten, dass wir uns doch dafür nicht freiwillig gemeldet haben! Schließlich ist die Anmeldung zur Fahrschule eine bewusste Entscheidung, ebenso wie eine bewusste Investition von Zeit und Geld.

Meine Überzeugung ist, dass wir uns irgendwann einmal für den Eintritt ins menschliche Dasein entschieden haben. Unter Umständen haben wir bereits in einem vorherigen Leben in diese Erfahrung investiert. Gegenwärtig sind wir auf den Straßen unseres eigenen Lebensweges unterwegs. Manche Abschnitte sind steinig und kurvig, teilweise von tiefen Abgründen gesäumt. Einige Wege sind uneinsichtig oder beengend. Wieder andere Strecken sind breit und führen lange gerade aus. Teilweise ist das Verkehrsnetz stark befahren und so stehen wir hin und wieder im Stau. Dann sind wir wieder ganz alleine auf verlassenen Pisten unterwegs und begegnen keiner Menschenseele. Zeitweilig durchleiden wir das Gefühl nie anzukommen, obwohl der Fuß fest auf dem Gas steht. Dann tut es gut zu rasten um Energie zu tanken und uns zu besinnen, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Zum Glück gibt es unzählige Raststätten, damit wir nicht mit dem letzten Tropfen im Tank am Ort der Bestimmung eintreffen. Bloß anhalten müssen wir schon selbst. Obendrein erinnert uns eine Warnleuchte im Cockpit früh genug daran.

In der Fahrschule lernen wir vorausschauendes Fahren und auf andere Verkehrsteilnehmer Rücksicht zu nehmen. Angenommen wir übersehen doch mal ein Stoppschild und es scheppert, wissen wir sogar, wie die Unfallstelle zu sichern ist und welche Verhaltensregeln es zu befolgen gilt, damit der Schaden sich nicht weiter ausdehnt. Wir lernen auch um Hilfe zu bitten, wenn wir oder andere verletzt sind und können in der Not sogar erste Hilfe leisten. Auch das sind Kompetenzen, die in der Fahrschule ausgebaut werden.

Wenn wir geboren werden und langsam in unsere menschliche Welt hineinwachsen, stellen wir fest, dass die Fahrschule des Lebens zwar theoretischen Unterricht im Programm hat, dieser jedoch für die Fahrpraxis im Tumult der Realität nur bedingt tauglich ist.

Alles basiert eben auf unserer eigenen, lebendigen Erfahrung. Oft hindert uns die Angst vor einem “Crash” daran in dieses Vehikel namens Leben zu steigen. Wir drehen Runde für Runde im Kreisverkehr. Was wenn ich nun abfahre und in einer Sackgasse lande? Oder mich die Straße in unbekanntes Terrain führt? Noch schlimmer: Zum zweiten Mal die gleiche Abfahrt nehmen und sich gewiss zum wiederholten Male einen Platten einfangen.

Der Führerschein in Deutschland ist in verschiedene Klassen unterteilt. Es gibt A, B, D, C und so weiter. Diese Kategorien sagen etwas über unsere erlangten Fahrkenntnisse aus. Welche Massen von Materie wir mit welcher Geschwindigkeit und Zugkraft über den Asphalt bewegen dürfen.

Ganz ähnlich haben wir Eigenschaften für unser alltägliches Leben etabliert. Klasse “A” könnte für “Akzeptanz” stehen. Zeitweilig kann uns ein Gefühl der Stagnation begleiten. So ein Staugefühl gibt es nicht nur auf der Autobahn, sondern auch im Fluss des Lebens. Akzeptanz kann hilfreich sein, diese Phase zu überstehen. Im Auto und im Leben. Wut und Frust lösen keinen Stau und transportieren eher die Außenwelt nach innen. Sind wir jedoch in der Lage in unserem Inneren Akzeptanz zu erzeugen, so kann Stillstand zum Genuss werden. Zum Beispiel sind wir dann in der Lage jenseits der langen Autoschlange etwas Schönes zu entdecken. Das mag ein Eichhörnchen in einem Baum am Straßenrand sein oder alberne Kinder, die im Nachbarauto ihre Nasen an der Scheibe platt drücken um wie kleine Schweinchen auszusehen, um so unsere Aufmerksamkeit zu erregen.

Klasse “C “könnte “Chaos” symbolisieren. Ordnung ist für viele ein wichtiger Bestandteil der Alltagsroutine. Ordnung gibt Sicherheit und scheint Chaos von uns fern zu halten. Wer sich schon mal mit dem Auto nach Paris getraut hat oder im asiatischen Raum unterwegs war, der weiß was Chaos im Straßenverkehr bedeutet. Und gerade über dieses Chaos beeumeln wir uns oft und reißen andere durch unsere Urlaubsgeschichten oder Posts im sozialen Netzwerk mit. Für mich ist Chaos überhaupt ein Grund zu reisen! Ich stehe zusammen mit zwei von Flöhen eroberten Tölen am Straßenrand. Wir teilen eine Mission. Nämlich den Kiosk auf der anderen Seite zu erreichen. Zwischen zarten Noten von Motoröl, Eau d’Emmission und schlotternden Endrohren kämpft sich der Duft von Saté auf Holzkohle und Bananencrepes hervor. Ein Traum für die Hundenasen und meine Vorstellung eines authentischen Abendessens direkt vom eingeborenen Koch. Von links ein Schwall mit locker 50 unbehelmten Flip-Flop-Rockern. Von rechts eine Spiegelung der linken Seite plus ein dutzend Touri-beladener Tuc Tucs und ein verbollerter LKW mit offener Ladefläche. Auf dieser spielen ein paar Halbstarke Karten, während eine von 7 Ziegen gemolken wird und eine nahezu zahnlose Greisin frisch gefangene, flutschige Fische ausnimmt, deren Innereien sie gleich in einer Handvoll maunzenden Katzen entsorgt, die ebenfalls einen Platz auf der Mühle ergattern konnten. Dieses Szenario ist in vollem Gang, als einer der beiden Köter neben mit plötzlich aufbricht und im Chaos verschwindet. Wenige Augenblicke später hüpft er auf der anderen Straßenseite wie ein Flummi auf und ab und bellt nach seinem räudigen Kumpel, der ihn nicht warten lässt und jetzt ebenfalls in der bunten Verkehrssuppe abtaucht. Obwohl gegenüber keiner nach mir kläfft, fasse ich mir ans Herz und setze mich in Richtung Nahrungsquelle in Bewegung. Als würde ich wie Moses das Meer teilen, bleibt zwischen mir und dem blechernen Ozean tatsächlich mehr Platz, als manchmal zum Hintermann in der Schlange an der Kasse von Aldi. Drüben angekommen, belade ich mich mit allem was von Grill und Kühlschrank her frohlockt. Sodann bedanke ich mich bei Meister Flohdampfer für die Lektion und teile wieder das Meer in Richtung Unterkunft. In Asien eine Straße zu überqueren ist ein wahres Sinnbild des Lebens!

Ein kleiner gedanklicher Umweg über Asien soll uns nun wieder zum Ausgangspunkt meiner Idee führen. Nämlich das keine Expedition ohne Abstecher oder kleine und große “Unglücksfälle” verläuft. Das gilt für den Straßenverkehr und für das Leben. Es ist wichtig sich mit dem theoretischen Rüstzeug auszustatten. Aber es ist genauso wichtig im Vertrauen genau dieses Wissen loslassen zu können. Denn fern der Spurrillen eingefahrener Wege liegt die Wildnis und Reinheit einer neuen Welt, die uns gerade jetzt mit ihrem Fundus bereichern möchte. Angst ist nie ein guter Führer. Schließlich heißt das Ding “Führerschein” und nicht “Bedenkenschein”.

Wir haben das Licht der Welt erblickt und damit die Lizenz zu leben erworben! Es gibt also keine Prüfung mehr, die war ablegen müssen. Auch keinen Crash vor dem wir uns fürchten müssen. Genießen wir einfach die Fahrt auf diesem atemberaubenden Planeten! Jeder Pfad kann der richtige sein. An jeder Kreuzung können wir einen Meister treffen. Und was jucken mich eine paar Flöhe, wenn ich das Meer teilen kann?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.