Wolle im Herzen

Heute habe ich zum ersten Mal gespürt, dass der Sommer sich langsam dem Ende zuneigt. Barfüßig bin ich zu meiner Sockenschublade getappst und habe ein paar selbstgestrickte Socken von meiner Oma rausgefischt. Zum Glück hat meine Oma den Sommer über vorausschauend eine ganze Schafherde in farbige Fußbekleidung für kühlere Temperaturen verwandelt.

Wenn ich barfuß durch den Sommer laufe, dann vergesse ich, dass Socken überhaupt existieren. Ich bin wie die Maus Frederick, die Farben sammelt, statt Vorräte für den Winter anzulegen. Es ist so wunderbar sich im Winter an all den bunten Erlebnissen des Sommers sein Herz zu erwärmen!

Jede Woche am Frühstückstisch habe ich meine nackten Sommerfreuden mit Omi geteilt. Ein vor Freude sprühendes Enkelchen ist das Superfood für alle Großeltern! Wenn ich nach zwei Stunden wieder aufbreche, dann steckt sie mir ein neues Paar selbst gestrickte Socken in die Tasche. Ohne jemals Maß genommen zu haben, passen ihre Einzelstücke immer. Was für eine Gabe! Und nach jedem fünften Paar, besteht Design Nummer Sechs aus den den Resten der fünf Vorgänger. Um ehrlich zu sein, sind das die Allerschönsten!

Die warmen Temperaturen des Sommers vertreiben immer Baumwolle, Nylon und Gummi von unserem Sockel. Jetzt sind wir in Lage mit Haut und Hornhaut eine direkte Verbindung mit Mutter Erde einzugehen. Wie wohltuend es ist, die Feuchte des Morgens an den Fußsohlen zu spüren und wie putzig unsere nackten Füße von oben betrachtet aussehen, wenn ein Gänseblümchen zwischen den Zehen hervorlugt. Fühlen wir uns barfuß nicht auch ein bisschen “einzigartiger” als mit einem Label aus der Fabrik des Materialismus? Selbst wenn Fußtracht aus einer limitierten Kollektion oder Special Edition stammt, bleibt Barfuß doch das wahre Unikat!

Dank meiner lieben Oma kann ich auch im Winter von oben auf meine Füße hinab blicken und mich an Unikaten erfreuen! Ein langer Wollfaden, aus Weisheit und Nächstenliebe gestrickt, bekleidet meine Füße farbenfroh und wild gemustert. Sowie ich im Sommer barfuß im Herzen bin, so bin ich im Winter Wolle im Herzen!

Die wärmende Handarbeit meiner Granny verbindet mich mit der Weisheit der Ahnen. Eine farbenprächtige Wollsocke, war in ihrem früheren Leben einst ein unifarbenes Schaf. Meine Großmutter hat noch alle Zwischenschritte von der Geburt eines Lammes bis hin zur Geburt einer Socke erlebt. Eine Wollsocke made by Grandmother ist zweifellos einstmals als übermütiges Lämmchen über grüne Wiesen gehüpft. Während ihrem bäuerlichen Leben, hat meine Oma miterlebt, wie das Lämmchen größer und größer geworden ist. Sie hat täglich geholfen, es zu versorgen. Kennt Geruch, Laute und Eigenheiten. Ständig von der Intention begleitet, dass dieses Wesen bald auch sie und die ganze Familie versorgt. Oma war womöglich dabei, als es vom Vater geschlachtet wurde und ihre Muter hat ihr später gezeigt, wie die Schafswolle am Spinnrad verarbeitet wird. Ich erinnere mich noch an das hölzerne Spinnrad, dass lange im oberen Flur ihres Hauses gestanden hat. Hin und wieder habe ich als Kind mit dem Pedal die Räder in Bewegung gesetzt und war fasziniert.

Der Kreislauf des Lebens steckt in so vielen Dingen die uns umgeben. Wollsocken erinnern mich daran, diesen Kreislauf zu ehren. Wir sollten die Geschichten unserer Großeltern nicht vergessen. Unsere Vorfahren kennen die alten Wege. Sie können uns helfen unsere neuen Wege besser zu verstehen und uns an einen tieferen Sinn des irdischen Lebens erinnern.

Es gibt immer eine Zeit Spielens und den unbeschwerten Barfußtanz. Zwanglos und unschuldig mit wenig Wolle wie das Lämmchen umhertollen. Und dann gibt es wieder eine Zeit der Ruhe und Geborgenheit.

Es ist ein Geschenk in diesem Dasein alle Facetten auskosten zu dürfen. Wir sind nicht nur barfuß, sondern irgendwann auch Wollsocken!

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