Warum der Kater eine Fahne hat, Mäuse heimlich Fußball spielen und auch Käfer tapfer sind

Mein Tag hat heute mit einem Haufen Müll begonnen. Dass das so sein wird, wusste ich schon gestern Abend als unser Kater Flip mir den Müll buchstäblich unter die Nase gerieben hat.

Nachdem er seinen ersten allabendlichen Rundgang beendet hat, gleitet er mit einer Leichtigkeit, wie nur Katzen es können, zwischen den Gitterstäben des Gartentors hindurch und trabt maunzend auf mich zu. Nun lässt er sich vor mir auf den noch von der Mittagswärme aufgeladenen Terrassenboden plumpsen und lädt mich schnurrend ein sein weiches Fell zu kraulen. Da kann keine Katzenmama nein sagen! Ich tätschle und liebkose ihn und plötzlich riecht es irgendwie nach Bier.

Hat Flip etwa eine Fahne? Kann ja nicht sein, denke ich. Wegen Corona sind doch alle Kneipen geschlossen! Und nach der Feierabendmaus mit seinem rot gefleckten Kumpel noch eine paar Bierchen zischen ist im Moment auch verboten. Das Kontaktverbot nehmen alle in unserer Familie sehr ernst. Nachforschend dirigiere ich meine Nase überall durch sein Fell. Flip schaut mich dabei irritiert an: ” Was´n los? Hab´mich doch eben erst komplett mit meiner Spucke gewaschen! Ich bin sauber!” An seinen Pfötchen angekommen beißt mir die Biernote fest in die Nase. Ich muss schmunzeln. Viele haben PilZ am Fuß, aber unser kleiner Streuner hat PilS am Fuß! Ich kann nicht aufhören mich zu fragen, wo er sich damit wohl “infiziert” hat? Also gleite auch ich durch die Gitterstäbe des Gartentors… Nein, ich entriegle das Gartentor und betrete Flip´s Revier. Ein kleines Wäldchen aus Laubbäumen, die immer mehr Blätter austreiben und ihre Baumkronen langsam schließen. Dadurch werfen sie ein flackerndes Lichtspiel auf den von unzähligen Flechten bedeckten Boden.

Ein bisschen fühle ich mich wie die alte Miss Marple. Flip das lebende Indiz tappst mir hinterher. Gedanklich fasse ich die Fakten zusammen: Keine Zeugen, was ungünstig ist. Außer vielleicht Amy Amsel oder Bela Buchfink. Aber auf deren Aussage, wenn es Flip betrifft, kann ich mich nicht verlassen. Er trachtet den beiden bei jeder Gelegenheit nach ihrem Leben und insofern würde ich es ihnen nicht übel nehmen, wenn sie versuchen würden ihren Erzfeind durch Falschaussagen zu belasten. Demzufolge bleibt es bei null Zeugen. Das geschätzte Zeitfenster für das Bierdelikt ordne ich im Rahmen von plus minus 45 Minuten ein. Für gewöhnlich dauert Flip´s erste Abendrunde im Sonnenuntergang nie länger. Der Bierkontakt muss sich demnach gegen Ende seiner Erkundungspirsch ereignet haben. Andernfalls hätte sich der Geruch an seinen Tatzen über die zurückgelegte Waldstrecke schon viel mehr abgetragen.

Auf Grund dessen erkunde ich den direkten Radius des Gartentores. Das Krabbelgetier um mich herum fühlt sich von meinen Ermittlungen gestört und sie verschwinden alle unter trockene Blätter und in herumliegende, faulende und bemooste Baumstämme. Einen besonders schön in Regenbogenfarben schimmernden Käfer verfolge ich ein Stück auf seiner Flucht, bis er Schutz in der tiefen Maserung einer alten Buche findet. Rückzug nicht vor mir, sondern eher vor Flip, der sich bereits auf einen Protein-Snack freut. Wer von euch kennt den Satz aus “Der König der Löwen”? Zitat: “Schleimig, jedoch vitaminreich!” Zwischen zwei Mäuse passt immer noch ein Insekt.

Und genau hier am Schlupfwinkel des Snacks… äh Käfers, riecht es wieder nach Bier. Am Fuße des aufblühenden Baumes finde ich eine zerbrochene, braune Bierflasche (eindeutig nicht die mexikanische Sorte mit Anfangsbuchstabe “C”). Teilweise steht noch etwas von dem Gebräu im heil gebliebenen, unteren Vierte der Flasche. Offenbar war die noch ungeöffnete Flasche an den Stamm angelehnt und die Sonneneinstrahlung hat das Gefäß zum platzen gebracht. Gut vorstellbar, dass Flip kurz nachdem sich der Flascheninhalt über den Waldboden ergossen hat, vorbei geschlichen ist und so seine Pfoten benetzt wurden.

Vorsichtig sammle ich die Scherben ein und beende damit meine Recherchen in dieser Sache. Über meine Schulter rufe ich Flip mit nachhause zu kommen. Der jedoch versucht aufgeregt den tapferen Regenbogenkäfer aus seinem Unterschlupf zu fummeln. Wahrscheinlich muss ich gleich auch noch einen Mord aufklären, mutmaße ich.

Nachdem ich die Scherben entsorgt habe, lasse ich mich gemütlich auf der Terrasse nieder. Nur zwei Minuten später gesellt sich Flip wieder zu mir. Großzügig mit der Zunge kreisend schleckt er sich sein Mäulchen. Armer Käfer.

In mir steigt Mitgefühl auf. Für all die Seelchen mit vier, sechs oder acht Beinen, mit Fell oder Federn. Sie genießen ihr Dasein zwischen dem was sie zum überleben brauchen und dem was wir Menschen nicht mehr brauchen. Und dann empfinde ich auch Mitgefühl für den Zweibeiner, der diese Flaschenpost hinterlassen hat. Denn darin steckt tatsächlich eine Botschaft.

Die Botschaft lautet: Achtsamkeit. Ein Mensch, der seinen Müll unachtsam in der Schönheit der Natur verteilt, hat seine Liebe zu unserem Planeten und dessen Lebewesen verloren oder vielmehr vergessen. Und vielleicht nicht nur diese Liebe, sondern auch die Liebe zu sich selbst. “Liebe deinen nächsten, wie dich selbst”. Vor langer Zeit wurden diese Worte einmal in Stein gemeißelt.

So beschließe ich am nächsten Morgen ein kleines Fleckchen unseres Planeten systematisch vom Müll zu befreien. Ich bin ich Teil dieses wunderschönen Planeten, dessen Nahrung mich am Leben hält und dessen Flora und Fauna schon morgens nach dem Aufwachen meine Seele streichelt. Seien es die tollkühnen Eichhörnchen, Spinnen, die ihre Netze vom Morgentau befreien oder Bela Buchfink, der wachsam Insekten von der bunten Wiese nascht.

Auf meiner Mini-Müll-Mission entdecke ich eine rechteckige, teppichgleich bemooste Fläche. Einst war es dies wohl eine Hutablage in einem Kleinwagen. Jetzt sieht es aus wie eine Fußballplatz für Mäuse. Ich entferne das Spielfeld nicht. Irgendwie gehört es jetzt hierher. Als nächstes finde ich ein paar Blumentöpfe aus Plastik. Regenwürmer haben sie schon mit ihren ulkigen, ringelförmigen Ausscheidungen gefüllt. Von der matschbraunen Farbe abgesehen, erinnert es an Noodles-To-Go vom Asiaten. Die Wurmskulpturen entleere ich auf dem Waldboden und stecke elf Untertöpfe verschiedener Größen in meinen Müllsack. Ob wohl jemand im Wald etwas anpflanzen wollte? Hanfpflanzen mögen ja Halbschatten…

Nach etwa einer Stunde kehre ich zurück und sortiere die Ausbeute zur Entsorgung. Nicht nur die Erde hat mit so einigem Unbrauchbaren Zeug zu kämpfen, sondern auch wir. Manchmal schleppen wir sogar den Müll anderer mit uns herum. Durch diese kleine Sammelaktion, konnte ich von Mutter Natur etwas lernen.

Es ist möglich aus unserem eigenen Müll etwas neues, wunderschönes zu erschaffen. Im unserem Müll steckt eigentlich das größte Potential, die größte Chance eine bessere Version von uns selbst zu werden. Wenn auch nur besser als gestern oder vorgestern. Altpapier oder Altlasten. Wenn wir es wegräumen entdecken wir wieder unsere Schönheit oder die, des Planeten. Sie war immer da, ist immer da und wird immer da sein. Wie wir es betrachten ist entscheidend für unser Wohlbefinden und auch für das Wohlergehen unseres Planeten. Wir können uns den Müll vergeben. Die Erde vergibt uns längst. Jeden Tag zeigt sie uns durch Vergebung den Weg zurück zur Liebe. Manchmal durch einen kleinen Fußballplatz aus Moos oder sie sendet uns einen Boten mit Bierfahne, der uns zu Achtsamkeit einlädt.

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