Mit Herz, Hirn und Huf

Pferde haben doch ganz kleine Gehirne, oder?, fragt mich mein Gesprächspartner, als ich ihm mit funkelnden Augen erzähle, dass ich seit ein paar Wochen wieder regelmäßig in den Reitstall fahre.

Das mit den Gehirnen lässt mich nicht los, da ich ja auch eins habe und mir selbiges diesen Satz immer und immer wieder abspult. Pferde haben kleine Gehirne, Pferde haben kleine Gehirne, Pferde haben… Und so weiter…

Darüber möchte ich schreiben, darüber möchte ich schreiben, darüber möchte ich schreiben… Wenn mich etwas eine Weile nicht loslässt, sei es auch etwas ganz banales, dann ist es meist die zündende Idee für einen neuen Beitrag. Davon lebt HappyWildSoul. Kleine alltägliche Erlebnisse können uns den Weg weisen. Aber wohin denn?, fragt jetzt unser Gehirn, bester Kumpel des Egos. Hör’ doch einfach zu und vertraue!, flüstert das Herz, eng verbündet mit unserer Seele.

Wenn ich aus der Ferne auf meine Leben zurückblicke, dann hat mir mein Gehirn, Hauptwohnsitz des Verstandes, nur wenig Zündstoff für aufregende Geschichten geliefert. Aber sind es nicht unsere Geschichten, die uns ausmachen und miteinander verbinden?

Vermutlich ist das Gehirn eines Pferdes in der Relation zu seiner Körpermasse recht klein. Aber wer hat festgelegt, dass eine bestimmte Hirnmasse nötig ist um irgendetwas an einem Wesen zu messen, damit wieder irgendjemand es mit einem anderen Hirnvolumen in Relation setzen kann um am Ende zu welchem Resultat zu kommen? Viel schlau oder viel dumm? Dienen uns die ewigen Beurteilungen? Ich mag es nicht, wenn ein beliebiger Erdbewohner als geringer geschätzt wird.

Wenn ich Zeit mit einem Pferd verbringe, hat mein Gehirn Pause. Mein Menschenhirn ist groß, doch jetzt habe ich es am liebsten im “Standby-Modus”. Der erste Atemzug, wenn ich den Stall betrete ist wie der erste Atemzug nach 12 Stunden Flug durch mehrere Zeitzonen. Ich steige aus und bin in einer anderen Welt. Es duftet nach Heu, Leder und Fell. Es staubt und schnaubt. Bewusst schließe ich die Augen und verbinde mich durch einen tiefen Atemzug mit der Energie der mich umgebenden Atmosphäre. Wenn ich die Augen wieder öffne und mein Brustkorb sich senkt, bemerke ich das Lächeln auf meinen Lippen. Ganz heimlich hat es sich in mein Gesicht geschlichen. In einem Moment des puren Seins. Ja, hier bin ich angekommen. Es ist als würde sich ein Teil von mir mit der Energie der Pferde synchronisieren. Ein Moment des Einklangs von Körper, Geist und Seele breitet sich in mir aus.

Ein Pferd ist ein großartiger Lehrer! Es benotet mich nicht und verlangt nicht mehr von mir als ich schaffen kann. Darum lerne ich so gerne von dem zauberhaften Mentor Pferd. Es spürt was in mir ist. Das mag ein Hadern mit meinem Selbstwert sein, Alltagsstress oder unbegründete Sorgen. Viele menschliche Lehrer denen wir begegnen haben eine hohe Erwartungshaltung an ihre Schüler. Vielmehr ist es die Erwartungshaltung einer Gesellschaft der wir zugehörig gemacht werden sollen. Häufig sind wir damit überfordert. Denn nicht alles was wir lernen sollen ist im Einklang mit unseren Herzenswünschen.

Das feinfühlige Huftier holt mich da ab, wo ich gerade bin. In meinem sonst so wortlästigen Leben erinnert es mich behutsam an die gemeinsame Sprache, die uns alle inne wohnt: die Schwingung der Energie. Ohne Alphabet, ohne Schriftzeichen, ohne Artikulation können wir uns dieser vergessenen, stillen Sprache bedienen.

Zum Beispiel lehrt mich das Pferd das 1 x 1 des Vertrauens. Wahre Stärke bedeutet nicht die Schwäche eines anderen auszunutzen. So darf ich wieder in den Sattel klettern, wenn ich runtergefallen bin. Der sanfte Einhufer zeigt mir, wie Vertrauen durch Miteinander entsteht. Egal wie oft ich im Dreck liege, ich darf immer wieder bei meinem Trainer anfragen um es noch einmal zu versuchen. Beim Reiten ist die Versetzung nie gefährdet. Wenn ich eine Lektion zehnmal ungenügend abgeschlossen habe, reitet keiner auf meinen Fehlern rum. Der vierbeinige Lehrer mit dem so kleinen Gehirn hilft mir wieder und wieder die Balance zu finden. Bestimmt auch ein bisschen, weil ich die mit den Möhren bin. Logisch! Jeder Lehrer lechzt doch nach einer Belohnung, wenn die Schüler nach endlosen Wiederholungen noch immer nicht kapiert haben, worum es eigentlich geht. Egal wie unbefriedigend das Ergebnis am Tagesende ist: Morgen gehts wieder in die Steigbügel und ich habe eine neue Chance eine bessere Version von mir selbst zu werden. Ohne Bewertungsrahmen ist mehr Platz für freie Entfaltung. Das kennt jeder Schmetterling! Am schönsten ist die Raupe, wenn sie endlich fliegt!

So erfahre ich vom Pferd sehr viel über mich selbst. Wenn es mal nicht so läuft, kann ich durch Druck gar nichts erreichen. Auch meinem Leben kann ich nicht einfach die Sporen geben, wenn es mal nicht so läuft. Zuerst muss ich Haltung einnehmen und fest im Sattel sitzen.

Ein Pferd zwischen mir selbst und dem Erdboden zu balancieren ist wirklich was für Streber. Ich benötige Kraft, Ausdauer und viele Muskeln überall in meinem Körper, aber ich setze sie dennoch kaum ein. Es ist manchmal paradox. Sowie das Leben. Ich gebe nur leichte Impulse mit dem Körper und einer Gewichtsverlagerung um die Richtung oder das Tempo zu beeinflussen. Sogar eine neue Blickrichtung löst eine Reaktion bei meinem trabenden Freund aus. Bin ich nicht in meiner Mitte, lädt mich das Pferd wieder zum Zuhören und Fühlen ein und so finde ich wieder zurück ins Gleichgewicht. Erst wenn ich dort angekommen bin, kann ich es in die nächst schnellere Gangart wagen. Sobald ich aus reinem Ehrgeiz angaloppieren will und mich einer Gerte als Beschleunigungsmittel bediene, tut mir der Lehrer unter mir den Gefallen auch diese Erfahrung zu machen. Wie ein Flummi auf Koks plumpse ich nun in den harten Sattel. Tut weh und sieht bescheuert aus. Instinktiv schaltet das Pferd gleich wieder einen Gang zurück. Okay… hast Recht… ich wahr noch nicht so weit. Für die große Galoppade muss eben alles passen. Das Eingeständnis fehlender Geduld mit mir selbst schmerzt. Nicht nur am Po.

Wo Pferde sind, sind Menschen. Vor allem Frauen. Wenn wir in den Sattel steigen, dann lassen wir unsere Sorgen und unseren Ballast zurück. Auf dem Pferd fühlen wir uns frei. Frauen wollen eigentlich gar keine High Heels. Wir wollen die Absätze runter drücken und wild durchs Leben galoppieren. Mit Ziel oder ohne Ziel. Hauptsache authentisch. Der Mist an unsren Stiefeln stört uns schon lange nicht mehr. Auf Pferden reiten ist ein Sinnbild für unsere Lebensthemen. Wir begegnen uns immer wieder selbst. Was tun wir, wenn wir abgestürzt sind und uns alles weh tut? Wir trauen uns zu eine vergangene Erfahrung mit einer neuen zu überschreiben. Das Hindernis vor uns verändert sich nicht. Doch wir haben die Wahl unsere Haltung zu ändern. Beweglichkeit in Körper und Geist helfen uns die Geschicklichkeitsprüfungen dieses Daseins zu meistern. Wir können uns von der Illusion befreien, dass wir stark sein müssen um etwas zu erreichen. Genauso brauchen wir keine Gerte, eine Hilfe von außen, die uns weiter bringt. Alles, was uns führt, steckt bereits in uns. Manchmal kann uns ein Meister wieder auf den richtigen Pfad verhelfen. Doch nicht immer hat ein guter Lehrer einen Titel, akademischen Grad oder ein Flip Chart mit lösungsorientierten Skizzen.

Die Schöpfung stellt uns viel mehr zur Verfügung als das, was wir selber über Jahrtausende in unserer Zivilisation erschaffen haben. So kann uns ein tierischer Lehrer, rein und unschuldig, bei der Suche nach unserem eigenen Rhythmus unterstützen. Wogegen so mancher realitätsverschmutzter Mensch durch eigene Projektionen oft nicht in Resonanz mit dem gehen kann, was seinen Schüler tatsächlich ausmacht.

Öffnet eure Augen für alles, was euch umgibt. Was euch ins Schwingen versetzt, kann euch ein guter Lehrer sein. Egal wie groß sein Gehirn ist. Wir brauchen mehr fürs Herz und weniger fürs Hirn.

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