Maulwurfratten brauchen keine Leuchtraketen

Im März dieses Jahres, während sich in Deutschland der sogenannte “Lockdown” vollzog, hielt ich mich im abgeschiedenen Busch von Botswana auf. Geografisch und emotional blieb ich von Corona derzeit völlig unberührt. Ein Woche bin ich auf einem Pferd durch die afrikanische Wildnis geritten und habe viele Geschichten mitgebracht, die noch sechs Monate danach mein Herz erfüllen. Nicht alles ist vergänglich. Ein bemerkenswertes Erlebnis aus diesem Abenteuer möchte ich nun mit euch teilen.

Zu viert im vollen Galopp, durch fast Knie hohes Gras, bremst der Safari Guide an der Spitze plötzlich unser Tempo mit erhobener Hand. Intuitiv drehen wir unsere Köpfe wie Eulen nach allen Himmelsrichtungen und scannen mit den Augen die Landschaft. Aufgeregt suchen wir nach etwas Großem. Zum Beispiel eine Giraffe, einen Löwen oder vielleicht sogar ein Nashorn zu erspähen. Doch nichts dergleichen fesselt in diesem Moment unsere Blicke. Daraufhin wenden wir uns wieder dem wegweisenden Vorreiter zu. Fast hätte ich “Führer” geschrieben… hoppla! Nennen wir ihn doch am besten bei seinem Namen: Unser Ranger heißt Rodgers!

Die Aufmerksamkeit von Rodgers ist überraschender Weise direkt auf den Boden vor den Hufen unserer Pferde gerichtet. Sein Zeigefinger weist auf eine “mole rat”, wie er verkündet. Eine Maulwurfratte zu deutsch. Imaginär verlängere ich Rodgers’ Zeigefinger bis zur struppig bedeckten Erde und sehe… NICHTS. Wann habe ich verlernt zu SEHEN, frage ich mich augenblicklich? Erst Recht, wenn sich etwas direkt vor meiner Nase befindet! “Wo ist es denn? Wo genau?”, fordere ich Rodgers auf noch deutlicher zu dokumentieren. Derweil stelle ich mir vor, wie zwischen den Grashalmen ein kleines, fast blindes Nagetier eine Leuchtrakete aus seinem Pelz fummelt und sie abschießt, damit ich endlich erlöst werde. Rodgers lehnt sich geduldig weiter aus dem Sattel um seinen Arm wie Inspector Gadget zu verlängern. Als seine Fingerspitze dann fast die Leuchtrakete…äh Nasenspitze der Maulwurfratte berührt, kann auch ich sie letztlich ausmachen oder “spotten”, wie man während einer Safari sagt.

Was für ein possierliches und herzgewinnendes Wesen diese Maulwurfratte ist! Irgendwie nackt und zart und im Kontrast dazu zwei überproportional dimensionierte Hauer vorne im Gesicht. Könnte sie sich selbst im Spiegel sehen, würde sie sicher vor lachen umfallen. Aber ihre Sehkraft taugt nichts für Spieglein, Spieglein an der Wand. Sie ist ein furchtloser Untertagespion und tüchtige Sehorgane wären in der Dunkelheit nur eine entbehrliche Dekoration. Hier oben im Tageslicht kugeln 10cm entblößtes Säugetierchen ein wenig hilflos umher. Rodgers sagt, dass man um diese Tageszeit (es ist Nachmittag) normalerweise nicht auf eine solche Spezies antrifft. Das Gleiche denkt der Nackedei wahrscheinlich auch gerade von uns. Die Retterin in mir will ein Loch graben und ihn wieder sicher in der Erde verstauen. Jedoch hat sie möglicherweise gerade mit ihrem Buddel-Buddy eine Wette am laufen: Wer es schafft 5 Minuten an der Oberfläche zu bleiben, ohne gefressen zu werden, erhält eine Tube Zahnpasta “Moly White” als Belohnung. Jetzt sehe ich keinen verlorenen, nackten Winzling mehr vor mir, sondern einen stolzen Sieger, dessen bibergleiche Zähnchen nun bedrohlich aufblitzen. “Ich glaube an dich, tapferes Herz aus dem Erdreich”, flüstere ich ihm aus dem Sattel zu.

Wir nähern uns dem Ende der diestägigen Nachmittagssafari. Bevor wir uns nachher wieder alle am Lagerfeuer treffen, habe ich etwas Zeit nur für mich. Ich setze mich auf die Terrasse meiner großzügigen Unterkunft mitten im ausgetrockneten Okavango Delta. Ein Steinwurf von mir entfernt flitzt eine Warzenschweinfamilie quiekend durch das Gestrüpp. Ein paar Zebras vermischen sich mit den grasenden Pferden, auf deren Rücken wir noch vor einer Stunde auf Entdeckungsreise waren. Giraffen züngeln nach Blättern der gegenüberliegenden Schirmakazien und in der Ferne vernehme ich das Grummeln einiger Elefantenbullen. Mein Herz füllt sich mit Ehrfurcht. Nirgendwo sonst ist der ewige Kreis des Lebens so deutlich spürbar wie hier in Afrika!

Meine Gedanken und Emotionen kreisen um die Big Five und The Small One. Vor allem bewundere ich unseren Field Guide Rodgers. Es ist beeindruckend, wie jemand vom Rücken eines Pferdes aus, welches sich im vollen Galopp durch üppige Graslandschaften bewegt, ein zwergenhaftes Lebewesen am Boden erfassen kann. Ich beneide ihn um die Gabe wirklich zu SEHEN! Losgelöst vom Tempo mit dem er sich fortbewegt. Losgelöst von den Erwartungen seiner Begleiter. Losgelöst von möglichen Hinweisen der afrikanischen Flora und Fauna, dass sich gleich ein Wildtier in der Nähe zeigen möge.

Aus meinem Empfinden hat jemand wie Rodgers eine unverschmutzte Wahrnehmung für alles Lebendige. Mich von Mitmenschen wie Rodgers inspirieren zu lassen, ist ein wahres Geschenk! Dieses Erlebnis wird mein Leben hier überdauern. Tief in meiner Seele habe ich die Erfahrungen aus Botswana’s wildem Herzen verankert.

In meiner kurzen Verweildauer in den Camps von Okavango Horse Safari, habe ich mich intensiv mit meiner eigenen Wahrnehmung beschäftigt. Das hat mir sehr geholfen, als ich wieder in Deutschland angereist bin. Denn nach bloß sieben Tagen, fand ich ein stark verändertes Heimatland wieder.

So erinnere ich mich von Zeit zu Zeit gerne an die niedliche Maulwurfratte und ihren Entdecker zurück. Das Gelände um uns herum kann weitläufig und teilweise uneinsichtig sein. Und nicht selten galoppieren wir mit einem Affenzahn durch die unbändigen Gewächse der einzelnen Wochentage. Wir erfreuen regelmäßig an Begegnungen mit Menschen, genießen ein leckeres Abendessen mit einem Glas Wein und im Hintergrund läuft unsere Lieblingsplaylist von Spotify.

Vieles in unserem Sein wiederholt sich. Genauso ist es auch auf Safari. Giraffen, Zebras und Impalas sind die Kulisse jeder Exkursion. Doch eine zierliche, unbeachtete Maulwurfratte kenn eine exotische Würze in unsere Geschichten bringen. Genau darin liegt für mich das Geheimnis von Veränderung verborgen. Nicht eine schon hundert Mal erzählte Geschichte zu wiederholen, sondern seine eigene Geschichte in der gesamten Historie zu erkennen.

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