Fish & Chips mit Kartoffelsalat

Aber chips sind doch auch Kartoffeln, oder nicht? Stimmt! Und für diese Geschichte brauchen wir die deutsche und die englische Variante! Eine wahre Begebenheit über die Weisheit der Alten und die Magie der Liebe.

Wenn es um die Liebe geht, ist meine Oma eine große Inspiration. Sie trägt die Essenz der Liebe immer bei sich. Seit ich sie kenne, träufelt sie aus dem Flakon dieser Essenz ein Tröpfchen in alle Lebensbereiche.

Schon als Kind habe ich meine Oma als eine Frau erlebt, die frei von der Außenwelt Entscheidungen trifft hat. Ein Verbot, dass meine Eltern für mich als ihr Kind ausgesprochen haben, gilt in ihrer Obhut für mich als ihre Enkelin nicht. “Damit habe ich nichts zutun”, sagt sie. Heute als erwachsenes Kind weiß ich, wie recht sie mit dieser simplen Aussage hat. Es geht nicht darum, die Oma zu sein, bei der immer alles erlaubt ist. Es gehr darum eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen, in der Platz für alle Meinungen ist. Liebe ist ein unendlich großes Universum in dem viele Sonnensysteme zuhause sind. Ein Familie ist ein solches Sonnensystem. Meine Oma ist der wärmende Fixstern darin. Wir Familienmitglieder sind die Planeten, die sie umkreisen. Jeder Planet hat sein eigenes Ökosystem, mit unterschiedlicher Vegetation und eigenem Tempo auf der Umlaufbahn. Die Sonne spendet Wärme, sie ermöglicht das Leben. Dazu gehört auch Unkraut und Kleingetier, was nicht allseits beliebt ist. Die Sonne jedoch berührt mit ihrem Licht alles Lebendige gleichermaßen.

Meine Oma schafft es, ihr Ding zu machen und nicht das Ding ihrer Eltern oder das Ding der Erwartungswelt um sie herum. Sie ist da und leuchtet. Auch dann, wenn sie im Kern vor Schmerz brennt.

Sie ist die Generation “Krieg”. Sie kennt das Familienkonzept des arbeitenden Mannes und der fürsorglichen Partnerin zuhause und überall da, wo sie sonst gebraucht wird. Somit hat sie irgendwann erkannt, dass mit dem Wandel der Zeit ein weiteres Einkommen benötigt wird. Sie wird eine der ersten Frauen im Dorf die sich einen Job sucht.

1999 verstirbt ihr Mann. Nachdem sie dem Schmerz über den Verlust Raum gegeben hat, macht sie sich auf zu neuen Ufern. Sie verabschiedet sich von dem Ort, an dem sie fast ihr ihr ganzes Leben verbracht hat. Für mich ist es damals ein Zeichen, dass ein Gefühl von Heimat und Ankommen nicht an einen Ort gebunden ist, der bei Google Maps auftaucht. Der Standort von Heimat ist der aktuelle Standort. Da wo du gerade bist. Mit allem was dich ausmacht.

In ihrer neuen Wohnung lebt sie natürlich auch mit Dingen und Erinnerungen aus der Vergangenheit. Trotzdem setzt sie für das Universum ein Zeichen, dass sich weiter vorwärts bewegt. Mit ihrer gewinnenden Art knüpft sie neue Bekanntschaften und erkundigt neugierig das Dorfleben. Sie will immer ein Teil des Lebens sein und damit ist Lebendigkeit immer ein Teil von ihr. Auch wenn ein riesiger Meteorit einschlägt, verlässt die Sonne die Umlaufbahn nicht.

Manchmal jedoch verlässt Oma ihre eigene kleine Umlaufbahn freiwillig und setzt sich in ein Flugzeug. Sie offen für Trends. Zum Beispiel für das Reisen mit Billig-Airlines. Eine ihrer Schwestern lebte in England und günstige Flugreisen ermöglichen ihr dieser immer wieder mal einen Besuch abzustatten. Auch dort ist sie im Bekanntenkreis immer höchst willkommen. Sie kann kaum ein Wort Englisch. Das macht nie was aus. Sie spricht eine universelle Sprache, die jeder versteht. Und im Zweifelsfall macht sie es wie die Queen: Lächeln und winken!

Eines Tages informiert Oma uns zögerlich, dass sie da jemanden kennengelernt hat. Irgendwie haben wir den Braten schon gerochen. iImmer seltener ist sie bei ihrer Schwester * anzutreffen und sie brauchte plötzlich Unmengen neuer Feinstrumpfhosen, Klamotten mit höherem Glamourfaktor und mediterrane Badezimmerdekoration. Sie hat sich mit 75 Jahren nochmal total verknallt! Und glaubt mir: Die Schmetterlinge, die für Kribbeln im Bauch zuständig sind interessieren sich nicht für das Geburtsjahr im Personalausweis. Sie machen einfach ihren Job und lassen das Herz einer Frau höher schlagen. Liebe kennt keine Ziffern. Und Schmetterlinge sind die Botschafter des blühenden Lebens! Keine alte Frau ist jemals verwelkt!

Die zweite große Liebe im Leben meiner Oma ist ein paar Jahre älter als sie. Zu Beginn ihrer Beziehung verbringen sie abwechselnd ein paar Wochen in Deutschland und England. Jeder von den beiden hat mittlerweile einen Herzschrittmacher. Wobei der Engländer seinen in Deutschland bekommen hat und die Deutsche ihren in England. Es ist irgendwie verrückt. Egal wo ob die beiden sich in England oder Deutschland aufhalten, so schlägt doch ihr Herz auch immer für das Zuhause, wo sie gerade nicht sind. Das was sie eigentlich aus dem Rhythmus bringt, ist in Wahrheit genau das, was sie im Herzen verbindet. Trotz Pendeln zwischen zwei Ländern haben die beiden ihre Herzen synchronisiert. Sie wissen, dass sie viel Zeit haben, aber keine Zeit zu verlieren ist.

Der englische Gentleman ist inzwischen durch Dialyse nicht mehr reiseflexibel. Und Oma damit in seinem kleinen Rosamunde Pilcher Bungalow in den englischen Midlands sesshaft geworden. Sie vermisst ihre Familie sehr. Doch noch viel mehr vermisst sie ihren Darling, wenn sie alleine in ihre Wohnung nach Deutschland kommt. Es tut ihr nicht gut und darum bleibt sie jetzt in England. Auch der Brexit könnte die beiden nicht trennen. Es gibt eben Dinge die wichtiger sind als Politik. Liebe zum Beispiel.

Nie zuvor bin ich zwei Menschen begegnet die in jedem Augenblick ihres Daseins “Ja” zum Leben sagen. Heute würden wir ihr Denken und Handeln als “lösungensorientiert” beschreiben. Es ist jedoch viel mehr als das. Der 92-jährige Mercedesfahrer nimmt meine 84-jährige Oma an die Hand und sagt: “No problem. We can do that!”

So kurz und einfach formuliert. Der Herkunft dieser Worte, können meines Erachtens nach nur klare und zweifelsfreie Gedanken sein. Vertrauensvoll verwandeln meine Oma und ihr Herzblatt seit Jahren diese Worte in Taten. So unerschrocken begegnen sie Tag ein Tag aus den kleinen und großen Herausforderungen des Alltags.

Ich bin dankbar ein Teil dieses Wunders zu sein, das Teil meines Sonnensystems ist. In der Liebe dieser beiden Menschen füreinander erkenne ich die Endlichkeit und Unendlichkeit des Lebens. Wann unser Leben zu Ende ist entscheiden wir jeden Tag, in jedem Moment. Unsere Seele kennt keine Jahreszahlen. Sie ist die Unendlichkeit. Direkt aus der Unendlichkeit fliegen uns die Schmetterlinge in den Bauch und verbinden uns mit dem Hier und Jetzt. Das Leben in dieser Realität, in Deutschland mit Kartoffelsalat oder in England mit Fish & chips ist endlich. Beides hat Raum in unseren Sonnensystemen. Unser Herz kann uns den Geheimnissen des Seins näher bringen. Wir müssen sie nicht verstehen. Es reicht neugierig und achtsam zu sein. So verbinden sich frei von Anstrengung zwei Welten, die untrennbar sind.

One thought on “Fish & Chips mit Kartoffelsalat

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.