“Heute habe ich leider kein Passfoto für dich!”

Eine wunderbare Schwester hat mich zu meinem heutigen Beitrag inspiriert. Im sozialen Netzwerk hat sie ein amüsantes Alltagserlebnis geteilt, dass mich zum nachdenken anregt. Hier ihre kleine Geschichte:

Larissa besucht einen Fotografen um ein Passfoto erstellen zu lassen. Dabei fordert man sie immer wieder auf, nicht zu lächeln. Ziel des Fotografen ist es, Larissa’s geschlossenen Mund mit geradlinigem Verlauf der aufeinander treffenden Lippen, abzulichten. In ihrem Post erzählt sie, wie schwer es ihr gefallen ist, nicht zu lachen und wie sich ihre Lippen immer wieder zu einem Lächeln kräuseln wollten. Am Ende hat sie einfach Ober-und Unterlippe zusammen gekniffen um der Fotografin das gewünschte Motiv zu liefern. Das Endprodukt des Passfotos zeigt zwar ein Lächeln in Zwangsjacke, aber dennoch ungezähmte Freude in ihren Augen. Ich kenne Larissa nun schon eine Weile und bin total verliebt in ihr Strahlen. Du kannst das Lächeln aus einem Gesicht entfernen, doch niemals aus einem Herzen!

Wir alle haben uns schon einmal in das “Abenteuer Passfoto” begeben. Das “Bitte-nicht-lächeln-Geschäft” läuft gut. Sicher können viele ihre eigene kleine Geschichte dazu erzählen. Ihr seid eingeladen euch dazu nachher in den Kommentaren auszutoben! Mein unterhaltsamstes Passfoto-Erlebnis jedenfalls war mit Anfang 20 (also etwa vor 3-4 Jahren, grins):

Nach der Einführung des biometrischen Ausweises muss ich vor einer geplanten Reise meinen Pass aktualisieren. Ich bin etwas knapp dran. Denn bis so ein Dokument fertiggestellt ist vergehen gerne mal 3-4 Wochen und nicht viel später wollte ich auch schon in ferne Galaxien… äh … Länder aufbrechen. Also tingel ich montags, nach einem durchzechten Wochenende, zu einem beliebigen Fotostudio. Die Fotografin weist mich an auf meinen dicken Augen, nee auf meinem dicken Hintern, auch nicht… also auf einem runden Hocker Platz zu nehmen. Hinter mir auf dem Hochsitz ist die Leinwand so weiss wie mein schlafloses Ich. Heidi Klum hätte definitiv kein Foto für mich gehabt. Dass ich nicht lächeln darf habe ich während meines Sekundenschlafes noch vernommen. Blitz, blitz, blitz. Hui, wie auf der Party gestern! Yeah, Musik bitte lauter! Meine Zellen werden plötzlich munter und ich erwische mich bei dem Gedanken, dass ich vielleicht noch eine letztes Getränk bestellen könnte, bevor ich den Club verlasse. Schließlich sitze ich auf einem Barhocker. Das Kater-Shooting dauert länger als geplant. Die liebe Mitarbeiterin am Stativ erklärt mir, dass der Abstand von Rahmen und Kopf noch nicht korrekt sind. Tatsächlich gibt es genaue Abstandsvorschriften für den Rahmen, den sie dir für das Passfoto verpassen. Aus meinem Koma erwacht kann ich wieder Witze reißen und verlaute: “Eine wilde Seele lässt sich eben nicht gerne einrahmen!” Vor und hinter der Kamera lachen wir darüber. Wie schön.

Zivilisation und Gesellschaft verlangen von uns häufig ein Abbild von etwas das wir nicht sind. Die Lippen für ein Passfoto zusammenkneifen, obwohl im Inneren die pure Lebensfreude zuhause ist. Hin und wieder fügen wir uns ein, obwohl wir uns dabei nicht wohlfühlen. Das ist in Ordnung. Solange wir auf dem Passfoto noch erkennen, wer wir wirklich sind.

2020 und überhaupt sollten wir möglichst wenige Passfotos in unseren Fotoalben sehen. Wir können immer lachen, wenn wir glücklich sind. Laut, auf dem Boden wälzend, lächerlich glucksend, Tränen vergießend und nach Luft schnappend! Genauso dürfen wir weinen, wenn wir traurig sind. Auch wenn uns dann das Make-Up über die Couture läuft oder wir so laut schnäuzen müssen, dass ein Elefant glaubt einen Kumpel zu treffen. Wenn ein Gefühl da ist, will es leben und nicht eingerahmt werden. Möglicherweise sitzen wir während einer bewegenden Emotion gerade in einem piekfeinen Restaurant, indem die Teller mit unzähligem Besteck und die Kellner mit Anzug und Fliege eingerahmt sind. Treffen uns dann die irritierten Blicke anderer Gäste, dann sagen wir ihnen doch einfach: ” Tut mir leid, ich habe heute leider kein Passfoto für dich!”

Ein Fotoalbum voller Passfotos erscheint mir wie ein totes Mosaik unseres Lebens. Wir würden uns darin nicht erkennen. Also lasst uns ein buntes Mosaik unseres Lebens erschaffen, auf dem wir zum Beat unseres Herzens tanzen!

Wir leben in einer Welt des Denkens und des Verstandes, die so nicht mehr funktioniert. Gesellschaft ist eine Illusion. Was wir dort draußen sehen ist das Spiegelbild unseres Inneren. Quasi ein riesiges, lebendiges Passfoto, gephotoshopped von unserem Ego. Unser Herz kennt kein Photosshop. Es stammt aus einer anderen Zeit. Unser Herz, mit Brennweite “Liebe” ist das einzige Objektiv was wir brauchen um im Außen wieder die Schönheit zu erleben, nach der wir uns alle sehen. Dazu brauchen wir keinen Fotografen. Lediglich die Selbstauslöser-Funktion. Manchmal liegt dieser Knopf etwas versteckt und wir brauchen eine Weile um ihn zu finden. Viele Wege führen dorthin. Jeder sollte seinen eigenen Weg wählen und dabei geduldig und sanft mit sich sein. Zeit spielt dabei keine Rolle. Alles findet im Hier und Jetzt statt. Jede Momentaufnahme ist wertvoll. Und immerwieder wird sich ein Passfoto reinmogeln. Es kann wegweisend sein, solange wir nicht vergessen immer wieder die Einstellung neu zu wählen. So machen wir aus dem “Selfie” ein echtes “Heartie”.

2 thoughts on ““Heute habe ich leider kein Passfoto für dich!”

  1. Leni

    Das Lächeln ist ein Fenster, durch das man sieht, ob das Herz zu Hause ist.

    Menschen die einen dazu bringen können zu lächeln, obwohl einem nicht zum Lachen zu mute ist, sind die, die das Leben schöner machen.

    Sehr schöne Geschichte, danke Nadja
    Leni

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