Ghost – Nachricht vom Ego

Halloween hat kürzlich viele einfallsreiche Kostüme und gruselige Masken gezeigt. Auf Partys, von Haus zu Haus und bei exklusiven Umzügen in Freizeitparks gab es eine Melange von Geistern, Mumien und Schreckgepenstern zu beobachten.

Der 31. Oktober klopft auch an meine Tür: “Süßes, sonst gibt’s Saures!”, sagt eine Maske mit heraus baumelndem Auge zu mir. Zucker ist so gar nicht gut für deine Augen, kleiner Zombie in Adidas Sneakers, denke ich. Mmh… Möhren hätte ich noch da. Die sollen ja gut für die Augen sein. Möhrchen, sonst gibt’s Saures? Ich will auf keinen Fall verantwortlich sein, dass er sein anderes Auge auch noch verliert. Du bist, was du isst. Ein paar weitere blutige Zwerge tauchen hinter dem Alpha-Zombie auf. Meine Knoblauchfahne vom Abendessen beruhigt mich. Vampire und Zombies stecke ich immer in eine Schublade. Ha, die können mir gar nichts anhaben! Ich muss nur immer schön lange in Richtung der finsteren Gestalten ausatmen. “Süßes, sonst gibts Saures!”, wiederholt der Einäugige hartnäckig. Mein Gedankenkarussell stoppt. Ferngesteuert von der Angst ins Reich der Untoten umziehen zu müssen, flitze ich in die Küche. Dort grabsche ich ein paar Äpfel aus der Obstschale und verteile sie an die bleich gepuderte Truppe. Sie starren enttäuscht auf die süßen rotbackigen Äpfel und schenken mir eine saure Grimasse. Denke für nächstes Jahr bin ich von deren Marschroute gestrichen. Vitamine für den wandelnden Tod. Was dachte ich mir auch dabei!? Ist der Zombie gesund, freut sich wer?

Ich schließe die Tür hinter mir und kehre ins Reich der Lebenden zurück. Mir wird klar, dass wir es nicht nur Halloween mit Gespenstern und Verkleidungen zutun haben. Alle anderen Tage des Jahres können genauso gruselig und voller Angst sein. Nicht immer können wir eine Tür schließen und der Schauder ist zu Ende. Wie gehen wir mit dem Schrecken des Alltags um? Sind wir Geisterfahrer oder Geisterjäger?

Ständig spuken Gedanken im Dachgeschoss unseres Körpers umher. Verursacher dieses Lärms ist ein Poltergeist, den wir alle kennen: Das Ego. Ich nenne ihn in diesem Beitrag “Eghost”. Beide, Ego und ghost, werden erst real, wenn wir sie rufen.

Das Ego ist mein Selbstbild. Es ist das, was ich von mir selbst glaube zu sein. Ein Rahmen, den ich selbst zusammen geleimt habe und in dem ich mich gerne aufhalte. Dieses eingerahmte Bild von mir ist eine Illusion. Das Ego versucht zu verhindern, dass ich sozusagen “aus dem Rahmen falle”.

Ein Geist bedient sich eines ähnlichen Tricks. Er lässt uns glauben, das da etwas ist, wovor wir uns fürchten sollten. Eingerahmt von der Angst werden wir unser eigenes Geisterhaus.

Liebe und Angst sind die stärksten Polaritäten. Darum finden wir die meist besuchten Geisterbahnen in der Liebe. Es gibt Leute, die kriegen nicht genug vom Geisterbahn fahren. Bis es irgendwann zum Horrortrip wird. So weit muss es jedoch nicht kommen. Am besten steigen wir gar nicht erst ein. Denn sobald das Fahrgeschäft erstmal in Bewegung ist, lässt es sich nur noch schwer unbeschadet verlassen.

Ein Beispiel: Ich flirte auf der Halloweenparty mit Frankenstein und wir tauschen Telefonnummern. Ich stecke seine in die Brusttasche meines blutigen Krankenschwesterkostüms. Am Morgen nach der Party ist der Brummschädel so groß wie eine Kürbis. Und Eghost kommt auch langsam zu sich. Allerdings hat er keinen Kater und fängt gleich an zu poltern: “Ob Frankenstein mich anruft? Und wenn nicht? Vielleicht glaubt er ich sehe ohne Maskierung hässlich aus? Bestimmt sieht ER abgeschminkt auch nicht gut aus. Ist besser wenn er nicht anruft. Bestimmt hat Frankenstein den Zettel mit meiner Nummer längst weggeworfen. Jedenfalls rufe ICH nicht an. Nachher geht er nicht dran und dann fühle ich mich mies. ER muss anrufen! Bisschen Initiative muss schon sein. Wenn er bis Mittag nicht angerufen hat, ist es für mich sowieso erledigt.”

Frankenstein am anderen Ende der Stadt bringt seine Rübe mit ein paar Aspirin zum schrumpfen. Er hat den Zettel mit der Nummer von der blutbeschmierten Krankenschwester und einen Pott Kaffe, so groß wie seine Birne, vor der Nase. Koffein lässt auch die Lebensgeister seines Eghosts erwachen: “Hoffentlich kriege ich keinen Korb, wenn ich jetzt anrufe. Lieber warte ich bis heute Abend. Sicher schläft sie lange und will nach so einer überfüllten Party ein wenig Ruhe für sich.” So erhebt sich Frankenstein verkatert vom Stuhl und stößt dabei den Kaffee um. Die dunkelbraune Flut hinterlässt auf dem Zettel nur noch ein paar Schlieren, die nichts mehr von den darauf notierten Zahlen erkennen lassen.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann grübeln sie noch heute… So taumeln wir im Gruselkabinett der Gedanken umher. Boing, dong immer mit dem Kopf gegen den Rahmen unseres Eghosts. So gerne würde unser Herz uns den Weg hinaus zeigen und uns von der Illusion befreien. Es sehnt sich nach Freiheit und dem Abenteuer des Lebens. In uns ist alles vereint. Die Liebe und die Angst. Liebe braucht Vertrauen und Angst braucht Mut. Oder ist es umgekehrt? Jedenfalls brauchen wir beides um dem Eghost einen Tritt in den Hintern zu verpassen. Lasst uns “Ja” zur Liebe sagen! Lasst uns genauso auch “Ja” zur Angst sagen! Das eine kann nie ohne das andere existieren.

Wenn ich meine Gespenster kenne, kann ich mich entspannt in der Geisterbahn zurücklehnen. Das Rattern auf den Schienen ist mir irgendwann vertraut. Und treffe ich auf der Fahrt plötzlich auf meinen Eghost, dann rufe ich ihm eine lautes “Booooohhh” ins Gesicht! Alternativ könnte ich auch einfach nicht in die Geisterbahn einstiegen. Kein Publikum, kein Spuk. Das ist besser als zum Hobbyexorzisten auf dem eigenen Dachboden zu werden oder auf 450 Euro Basis als Ghostbuster unterwegs zu sein.

Tipp: Wenn der Eghost keine Angst mehr vor euch hat, dann kann ihn sicher die beste Freundin oder der beste Freund ordentlich erschrecken!

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