Ein Baum namens Norbert

Jedes Jahr, wenn sich der Kalender Richtung Weihnachten neigt, stelle ich mir die Frage ob ich einen Baum aufstellen soll oder nicht. Ich fühle mich unwohl und schuldig, weil ich an die unzähligen Bäumchen denken muss, die aneinander gereiht wie Soldaten aufgezogen werden, um sie dann für die Festtage zu opfern. Massentierhaltung für Tannen. Dann schleichen sich glitzernde Kindheitserinnerungen in meinen Kopf. Zum Beispiel wie ich mit meiner Mama Strohsterne gebastelt habe, die wir dann an die nadeligen Ärmchen unseres Auserwählten gehangen haben. So finde ich in der Vorstellung der grünen Armee auch etwas Frieden.

Da Weihnachten alle Jahre wieder zusammen mit diesen Gedanken an meine Tür klopft, wollte ich diesmal zumindest meine Sorgen wegen der tapferen Bäumchen nicht mehr dort antreffen. So beschloss ich mir einen Impuls für mehr Klarheit direkt aus erster Hand zu beschaffen.

Auf dem Parkplatz eines Baumarktes treffe ich mich mit Norbert Nordmanntanne. Eingemummelt in eine Winterjacke stehe ich vor dem stolzen Norbert, der zwischen seinesgleichen wegen seiner besonders begehrten Symmetrie heraus sticht. Er ist einer der wertvollen Kategorie “rotes Bändchen”.

“Ich möchte dich gerne etwas fragen, lieber Norbert.”, eröffne ich unsere Unterhaltung. “Bist du traurig, weil du nicht in einem wilden Wald aufwachsen kannst?”

“Nein, das bin ich nicht.”, überrascht mich das prächtige Gewächs. “Denn da wo ich bin, ist auch immer das Herz des Waldes. Aber ich weiß, was du mit dem “wilden Wald” meinst. Ein Ort mit kleinen und großen Bäumen. Dort vermischen sich die mit den zarten Blättern und die mit den pieksenden Nadeln. Es gibt strubbelige Sträucher, verrückte Pilze und die Wesen mit Fell, Federn oder die, die krabbeln oder kriechen. An diesem Ort habe ich schon oft gelebt. Und als ich gestorben bin, ist ein Teil von mir auch dort geblieben. Ein anderer Teil aus der Zeit im wilden Wald lebt in diesem Moment, hier auf dem Parkplatz weiter. Wir gehen nie ganz. Wir nehmen immer etwas von dem was wir waren mit in unser neues Dasein.”

“Woher weißt du, dass du schon einmal Teil des wilden Walds warst, Norbert?”

“Ich kenne meine Wurzeln.”, antwortet die weise Tanne. Dann wedelt er mit seinem roten Bändchen: “Diese Markierung sagt nicht über das aus was ich bin. Es sagt vielmehr etwas über das, was ihr seid.”

“Das muss du mir genauer erklären, bitte.”

“Weil ihr mich, den Hüter des Atems, während einer bestimmten Periode eures Zeitgefühls mit bunten Kugeln und Figuren dekoriert, ändert das nichts an meinem Platz im ewigen Kreis. Meine Wurzeln sind nicht nur tief, sondern auch weit. Die Verbundenheit zu meinen Brüdern und Schwestern ist unvergänglich. Selbst wenn ihr mich mit einem kalten Werkzeug von meinen Wurzeln trennt, bleiben diese mit der Erde verbunden. Und nicht nur die meinen, sondern die des gesamten Seelenlebens der Bäume. Das Leben endet nie. Nur ein Teil muss verwesen, damit Nährboden für ein neues Leben bereit gestellt werden kann. Ihr glaubt eine Markierung, ein Label oder eine Verkleidung an der äußeren Gestalt verändern die Wahrheit. Dann seht ihr den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, um es mit euren Worten auszudrücken.”

“Dann ist es nicht schlecht dich und deine Verwandten so zu behandeln?”

“Es ist nicht schlecht. Es nicht gut. Es ist das was ihr gerade entschieden habt zu tun. Es ändert nur nichts an der stetigen Erneuerung und Wandlung rund um die reine Wahrheit des Seins.”

“Das ist tröstlich. Wirklich.”

“Ihr könnt immer Trost finden, wenn ihr euch auch an eure Wurzeln und die Verbindung zu euren Brüdern und Schwestern erinnert. Auch ihr lasst etwas hier, wenn ihr irgendwann gehen müsst. Und damit meine ich keine Kiste voller Weihnachtsdekoration aus den vergangenen 10 Jahren!”

“Haha, du meinst wohl eher eine Kiste voller Naturliebe, Familienglück, Freundschaft, Vergebung und Mitgefühl?”

“Ja, da habt ihr schon einige zusammen. Und es ist noch Platz für mehr! Zum Beispiel auch unterm Weihnachtsbaum!” Norbert freut sich regelrecht einen Ast ab, als er das ausspricht.

“Ist das der Grund, warum du dir die Erfahrung eines Weihnachtsbaums ausgesucht hast?”

“Genau! Du hast es erkannt!” Norbert hüpft vor Freude fast aus seiner Fassung. Seine Freunde rund herum rutschen etwas näher an ihn ran, damit er nicht umkippt und eine Rindenzerrung oder Zweigfraktur riskiert.

“Dann liebst du es uns in den erdfreien Wohnzimmern Gesellschaft zu leisten?”

“Ja, ich liebe es! Mit Geschick und Stolz werde ich vom Vater präsentiert und ausgerichtet. Endlich als gerade und im Lot befundet, lehne ich mich dann etwas zu einer Seite in Schieflage. Die Kinder lachen sich kaputt darüber. Manchmal mache ich das zwei, drei Mal hintereinander, nur um das Lachen der Kinder zu hören. Dann werde ich geschmückt. Es kitzelt so schön und ich genieße die Vibrationen der Vorfreude mit jeder Nadelspitze. Wenn ihr dann am Weihnachtsabend alle zusammenkommt, lausche ich euren Geschichten. Die Geschenke die ihr euch macht, scheinen euch gar nicht so wichtig zu sein. Ihr lacht viel, macht euch Komplimente und neckt euch, manchmal singt ihr sogar oder weint. Im nächsten Jahr benutzt ihr viele eurer Geschenke dann schon gar nicht mehr. Das Parfum, die neuen Kopfhörer oder die Spitzenunterwäsche. Aber die Geschichte vom schiefen Weihnachtsbaum ist noch immer lebendig!”

Ob wir mit oder ohne Weihnachtsbaum feiern: Lasst uns schöne Geschichten schreiben! Für dich, für mich, für uns und für Norbert!

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