Mika’s Mut

Mika die Mücke hat es eilig. Denn er ist eine Eintagsfliege. Obwohl er das natürlich nicht weiß. Für ihn ist ein Tag gleich ein Leben. Auf jeden Fall ein Leben, indem er sich fortpflanzen will.

Vom Rand einer Teetasse aus hat er heute morgen einer flexiblen, jungen Lady in bunten Yogahosen bei ihren Übungen zugeschaut. Der aufsteigende Dampf des ayurvedischen Kräutertees hat seine Poren geöffnet und ihm das Gefühl gegeben noch jünger und besser auszusehen. Würden wir eine Eintagsfliege jünger schätzen, wie alt könnte sie dann überhaupt sein?

Um jetzt so richtig in Paarungslaune zu kommen ahmt Mika die Helden Stellung seiner menschlichen Vorturner nach und summt voller Tatendrang davon. Als Amors Pfeil ihn im Speeddating-Fieber trifft, stellt er mit Schrecken fest, dass er fest sitzt. Oder vielmehr fest klebt. Und zwar im Netz der Spinne Spencer.

Oh je, die Helden sind gefallen, denkt Mika. Spencer angelockt vom Duft ayurvedischer Kräuter, gleitet über eine Faden hinüber zum verzweifelt zappelnden Mika. Dieser blendet für einen kurzen Moment seine missliche Lage aus und fragt das Spinnentier ganz unschuldig: “Hallo Spencer! Schön dich hier zu treffen! Kannst du mir kurz hier raus helfen? Du weißt, ja dass mein Tag hier schon gezählt ist und ich habe noch eine Verabredung. Wäre auch gut für dich, wenn ich die einhalten könnte.”

Spencer funkelt ihn mit seinen paarigen Augen freundlich an und spricht: “Nun kleiner Mika, wenn es dein Wunsch ist deiner irdischen Bestimmung zu folgen, so werde ich dir helfen.” Mika, verwirrt von den vielen Augen und Spencers spontaner Fürsorge, rückt sein Weltbild über die achtbeinigen Zeitgenossen etwas zurecht.

“Entschuldige meine Neugier, Spencer. Aber ist es nicht deine Absicht, alles aufzuessen, was in deinem Netz landet?” Mist, warum animiere ich ihn auch noch, beißt sich Mika gedanklich in seinen Fliegenpo.

“Ich möchte dir gerne etwas über mich erzählen, tapferer Fliegenjunge”, holt Spencer aus. Ja klar, Spinnenweisheiten haben heute bei mir oberste Priorität und Zeit habe ich auch satt, grübelt Mika zerknirscht. “Schieß’ los”, fordert Mika die Kreuzspinne auf. Spencer rückt näher an Mika heran, was es nicht unbedingt behaglicher für sein Mückengemüt macht. In diesem Moment schwingt das ganze Netz sanft vor und zurück. Wie eine Wiege. Sofort fühlt sich Mika wieder etwas wohler. Spinnen sind Freaks, urteilt Mika etwas voreingenommen.

Spencer erzählt Mika von den Fäden des Lebens, die einst von der Göttin aller Spinnen für alle Lebewesen gesponnen wurden und es auch heute noch werden. Nur haben viele verlernt die Geheimnisse des Lebens mit ihren Herzen zu sehen und so gruseln sie sich vor meinem Antlitz. Doch kann ich mit meinen Augen in andere Dimensionen blicken, sowie in die Vergangenheit und in die Zukunft. Wenn ich ein Netz webe, verbinde ich Zeit und Raum miteinander. Ich möchte den Bewohnern der Erde Orientierung auf ihrer Reise geben. Besonders auf der Reise zu ihrem Inneren. Das erfordert oft viel Mut. Auf den Pfaden jenseits der Angst bietet mein Netz Schutz und fängt negative Energien auf, die jemand auf seiner Reise zurücklassen möchte. Geduld und der richtige Zeitpunkt sind die Geschwister von Vertrauen, mit denen ich die Welt da draußen gerne erfüllen möchte. Mein Dasein hier, als namentliche Spinne, ist eine Reflektion der Unendlichkeit, die nur der Reinheit unserer Herzen nicht verborgen bleibt.

Noch versunken in einem Meer von Augen und Fäden, versucht Mika zu begreifen, was hier gerade vor sich geht. Gerade eben glaubte er noch, dass Kopulation das einzige ist, was seinem Leben Sinn gibt und im nächsten Moment chilled er mit seiner fleischgewordenen Angst im Netz von Zeit und Raum. Vielleicht bin ich gar keine EinTAGsflüge, sondern eine EinTRAUMsfliege, mutmaßt Mika. Spinnen sind Freaks.

“Wirst du mich denn nun aufessen?”, kehrt Mika zum Ausgangspunkt der Unterhaltung zurück. “Ja, Mika. Das werde ich. Eines meiner Augen hat tief hinein in das Licht deines Herzens geschaut. Dort liegt die Sehnsucht nach aufregenden Erfahrungen verborgen. Dazu reicht dein eintägiges Leben jetzt nicht mehr aus.”

Mika traut seinen Ohren nicht. Aufgeregt lässt er mit seinem kleinen Insektenkörper das ganze Spinnengewebe vibrieren. “Oh Mann! Wie wird denn mein nächsten Leben aussehen? Hätte ja mal Bock auf Hummel! Ich steh’ auf den Bass von den Jungs! Oder irgendwas mit richtigem Fell! Eichhörnchen wäre sicher ein Spaß! Kannst du mir was empfehlen, Spencer? Ich meine du bist schließlich… mmmm…..brrmmm…pppfmmm…”

Während Mika in den Visionen seiner bevorstehenden Transformation schwelgt, wickelt Spencer ihren Freund sanft von oben bis unten in einen ihrer stabilsten Fäden ein.

“Gute Reise, tapferer Fliegenjunge. Dein Mut wird dich durch Zeit und Raum begleiten und jeden inspirieren, der sein Herz für das Geheimnis deines Lebens öffnet.”

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