Das Leben hat einen Ton

Letze Woche war ich in der Drogerie um mir Drogen zu kaufen. Für die Hände. Nagellack. Rot muss er sein. Ein Rot namens “Lieblingsmensch” begleitet mich zur Kasse. Während ich in der Schlange stehe und den gleichnamigen Song summe, höre ich mir dabei auch selbst zu. Ein Liedchen zu singen oder zu brummen tut echt gut.

Und wer sind die Meister im Komponieren? Es sind die, die nicht in den Charts sind, die aber trotzdem jeder kennt. Wenn auch nicht mit Namen. Stieglitz, Meise, Fink und Co. geben ab März jeden Tag öffentlich Konzerte! Wir alle sind eingeladen und das Beste ist: Der Eintritt ist frei!

Wir haben mehr mit dem gefiederten Volk gemeinsam als wir glauben! Auch wir Menschen bedienen uns seit Anbeginn der Zeit einer uralten Ausdrucksform. Gesänge sind weltweit ein Teil von uns. Musik kennt keine Grenzen. Sie bewegt unsere Herzen und die schlagen auf jedem Kontinent gleich.

Zum Frühjahrsbeginn performen die Vögelchen auf allen Bühnen in unseren Breitengraden. Jetzt zu Beginn des Herbstes wird die Vogelwelt nun schweigsamer. Ist es euch aufgefallen?

Die zarten Geschöpfe haben sich seit dem Frühling total verausgabt. Die Vogelmänner haben die facettenreichsten Songs einstudiert. Für unsere Ohren hört es sich wie Piep-Repeat an, aber dem ist nicht so! Auch bei Vögeln gibt es Strophen und unzählige Nuancen in der Betonung der Lyrics. Und die Mädels sind hervorragende Zuhörerinnen! Nur ein wahrer Pavarotti im Federkleid kann das Herz der Vogeldame erobern! Ein charakteristisches Liebeslied setzt bei Miss Birdy Endorphine frei. Eine Liebeserklärung in der menschlichen Welt bedient sich übrigens des gleichen Hormons, wenn es Frauenherzen höher schlagen lässt.

Hat der glückliche Vogelmann endlich sein Deckelchen gefunden, macht er umgehend Vorschläge fürs Eigenheim. Der Kiez um die Ecke, das Haus am See, Blick in den Garten oder ein Loft in seriöser Nachbarschaft. Bei hat seine Frau das letzte Wort. Nachfolgend gehts gleich in den Rohbau über. Das übernimmt der tatkräftige und hochmotivierte zukünftige Vogelpapa. Hier gilt es die Priorität der Nachhaltigkeit zu beachten und und nur regionale Rohstoffe zu verwenden. Nicht protzig sondern sicher und unauffällig muss es sein. Den Innenausbau macht dann Madame. Teamwork wird hier groß geschrieben. Hier findet sich bestimmt das ein oder andere Menschengespann wieder!

Sodann ist ein muckeliges Eigenheim bereit für die Eiablage. Super anstrengend für Frau Vogel. Die anknüpfende Brutzeit ist es nicht weniger. Vor allem weil sie als sonst so munter umherfliegendes Geschöpf nun eine zeitlang ganz stillsitzen muss. Netflix oder YouTube ist nicht. Einfach nur dasitzen mit der immer gleich Aussicht oder Blick auf die Nestwand. Gefährlich ist das Nichtstun auch noch. Taucht in dieser Zeit ein Räuber auf, würde Mama bis zum Schluss ihre Eier beschützen. Die Väter wissen um ihre taffen Frauen und schätzen sie sehr. Wertschätzung und Gleichberechtigung sind für Vögel selbstverständlich.

Kaum haben die Küken das Licht der Welt erblickt, geht der Elternstress in die nächste Runde. Proteine, Proteine, Proteine! Im Minutentakt wird Futter herbei geflogen. Es ist unvorstellbar, aber allein eine Kleinvogelfamilie vertilgt über 100.000 (!) Insekten pro Saison! Es wäre also eine gute Idee die Insekten zu füttern und nicht die Vögel! Vogelkinder sind zum Glück sehr schnell selbstständig und Mann und Frau haben wieder Zeit für sich. Der schicke Fummel um den Ladies zu imponieren wird vorerst nicht mehr gebraucht. Auch Mama kann raus aus den Jogging-Klamotten. Zeit für die Mauser. Auch die Stimmbänder werden nun geschont. Allgemein lädt die Vogelwelt nach der Brutpflege den Akku wieder auf. Die gemachten Erfahrungen in Partnerschaft, Bauprojekt und Kinder wird sie im kommenden Jahr bereichern.

Nicht bei allen Vogelarten läuft es so ab. Doch bei vielen uns allgemein bekannten schon. Wir haben diese wundersamen Wesen täglich vor Augen und besonders in den Ohren. Vögel können uns an etwas wichtiges erinnern, das wir manchmal vergessen.

Der Ton ist entscheidend. Welchen Ton hat unser Leben? Welche Lieder singen wir? Und singen wir überhaupt noch gemeinsam? Die Welt der Vögel ist nahezu frei von Gewalt. Körperliche Übergriffe finden kaum statt. Wer etwas zu sagen hat, der verpackt es in Musik oder ein stylisches Federkleid. Gewaltfreie Kommunikation. Einander zuhören und immer wissen was zutun ist.

Frau Spatz auf dem Foto oben hat mich und zwei liebe Seelen bei offenem Fenster am Auto besucht. Es war ein so magischer und irgendwie rührender Moment. Im vollen Vertrauen hat sich das Spatzenmädchen auf den Außenspiegel gesetzt und sich uns zugeneigt. Dieses Erlebnis hat mir letztendlich den Impuls gegeben den heutigen Beitrag zu verfassen. Es war wie: “Hey ihr! Ihr versteckt euch zwar in so einer Blechkiste, aber ich sehe euch! Und jetzt seht ihr mich! Ich lebe mit euch hier! Vergesst mich nicht!”

Und das sollten wir wirklich nicht. Die Natur ist voller Wunder. Wir sind ein Teil davon und die Natur mit all ihren lebendigen Wesen ist Teil von uns. Wenn wir unsere Herzen öffnen, können wir uns von dem verzaubern lassen, was tagtäglich vor unserer Nase ist. Wir sind eingeladen auch von denen zu lernen, die wir als geringer schätzen.

One thought on “Das Leben hat einen Ton

  1. Marianne

    Wow, Nadja, ich bin so begeistert und berührt von Deinen Worten. Weil ich Dich ein wenig kenne, weil ich weiß, wer es ist, der da schreibt. GROSSARTIG!

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