Löwen haben kein Corona, Löwen haben einen Kompass!

Vor kurzem bin ich zwei Königinnen im wilden Afrika begegnet. Oder bin ich dem wilden Afrika in zwei Königinnen begegnet? In diesem wahrhaftigen Moment ist auf einmal alles miteinander verschmolzen. Mich eingeschlossen. Was passiert, wenn wir in unseren Herzen aufgehen und plötzlich nichts mehr da ist und es gleichzeitig an nichts fehlt? Dann sind wir wirklich frei!

Nachdem wir am Vortag nach weit über zwanzig Kilometern zu Pferd ein neues Camp im Herzen Botswanas erreicht haben, beginnt der neue Tag mit einem sogenannten “Game Drive”. So genießen die Pferde am Vormittag das saftige Gras des Okavango Deltas und mein Hintern die kurze Reha auf den weichen Polstern des schaukelnden Range Rovers.

Nach einer Weile wendet sich Safari-Guide Rogers über seinen Sitz an uns: “Do you See the lions close to that termite hill on 2 o’clock?” Meine Augen scannen die Landschaft und bleiben nach wenigen Sekunden an etwas haften. Ein Termitenhügel der von einem Baum und zwei dösenden Löwinnen gesäumt wird. Mein erster Gedanke: Typisch, die Mädels hängen nicht unter irgendeinem krummen Baum rum. Nein, sie suchen sich natürlich einen Thron! Auf vier Rädern pirschen wir uns näher herran. Vier Löwenaugen öffnen sich kurz, befunden uns als irrelevant für ihr Dasein und machen da weiter, wo sie vor unserer Ankunft stehengeblieben sind und verschließen sich wieder in Zeitlupe. Percy am Steuer schaltet den Motor ab und der Zauber Afrikas beginnt sich zu entfalten…

Zuerst beschäftige ich mich mit meiner Kamera und versuche möglichst viele unterschiedliche Aufnahmen aus dem Raubtiermotiv herauszukitzeln. Löwinnen mit ganzem Baum, Löwinnen mit halbem Baum, Löwinnen nur mit Baumstamm, Löwinnen weit mit Baum und Termitenhügel, Löwinnen einzeln, Löwinnen einzeln makro, nur die Pfoten, nur die Schwänze… Klick, klick, klick, klick.

Der Ton des Auslösers löst bei den Löwinnen nichts aus. Die Katzenohren stehen still. Das stelle ich fest, während ich mein letztes Bild von den beiden noch durch das Display meiner Kamera betrachte. Dann lege den Apparat zur Seite. Mir fällt wieder ein, dass jede Momentaufnahme am schönsten ist, wenn kein Filter zwischen mir und dem Augenblick existiert.

Ich tue es den Wildkatzen gleich und schließe meine Augen. Kaum ist das visuelle Tor geschlossen, öffnet sich ein neues Portal in meinem Herzen und gewährt nun Einlass für Sehnsüchte, für Wahrheit, für Verbundenheit und Ursprung. Ein Tränchen verlässt meine Augen und ich spüre wie es meine Wangen streichelt und direkt in meine Seele fließt. Meine Lippen formen sich zu einem Lächeln. Liebe in seiner reinsten Form breitet sich in mir aus. Mein Brustkorb hebt sich und ein tiefer Atemzug stiftet Frieden in mir und dem was mich innen und außen umgibt. Der Vorhang meiner Augen hebt sich nun wieder ganz langsam und repräsentiert die Gegenwart in ganz neuem, purem Glanz. Der Duft von wildem Salbei krabbelt in meine Nase und macht sich in all meinen Zellen breit. Eine sanfte Brise streichelt das Gras, windet sich hinauf in die Bäume, fängt dabei vergnügtes Vogelgezwitscher ein und verköstigt mit dieser Symphonie meine Ohren. Ich atme, ich fühle. Alles fällt zusammen und beginnt wieder von vorne. Wieder und wieder. Immer wieder neu und auf einmal so vertraut. Wo Zeit endet beginnt Lebendigkeit. Als hätte ich mich selbst aufgelöst und so Platz für die Schönheit der Schöpfung geschaffen.

Eine Stimme holt mich zurück in den Jeep und zu den Löwinnen: “Everbody is happy? Do you agree to leave the lionesses in their privacy again?” “Yes, I am happy”, flüstere ich. Percy startet den Motor und langsam verlassen wir den magischen Spot. Die Rückfahrt ins Camp ist in ehrfürchtiges Schweigen gehüllt. Jeder für sich scheint in seiner eigenen Erkenntnis zu schwelgen.

Wenn wir es wagen loszulassen und die gewohnten Filter für einen Moment abblenden, dann können wir die kosmische Energie empfangen, die uns alle umgibt. Nicht nur, dass sie uns umgibt, das Universum ist auch eine Teil von uns. Dort liegen die größten Schätze verborgen. Wenn sich die Illusion von Zeit und Raum auflöst, stellen wir plötzlich fest, dass da nichts ist. Was wir erschaffen, liegt an den Filtern, die wir verwenden. Ohne sie bleibt nur noch eins: die Liebe. Nur die Angst kann uns von der Liebe entfernen. Doch kann sie uns nicht davon trennen. Liebe verlässt uns nie.

Die beiden Löwinnen kennen ihr Dharma, ihre Bestimmung. Sie leben es in jeder Sekunde ihres Daseins auf diesem Planten. Das Löwenherz ist ihr Kompass. Ganz kurz wurde ich Teil eines Fragments ihrer universellen Erscheinung. Den Rücken einander zugekehrt und den Blick voneinander abgewendet. Dennoch durch die Berührung ihrer Schwänze miteinander verbunden. Jede Löwin überblickt eine Hälfte der Umgebung. Würde sich die Eine erheben und das Band lösen, würde die Andere folgen. Vertrauen in die Schwester durch die Klarheit der eigenen Bestimmung. Vereint mit dem Rhythmus des ewigen Kreis des Lebens. Keine Filter im Reich der Löwen.

Wilde Tiere lassen sich vom Kompass ihres Instinktes leiten. Was ist unser Kompass? Und wo ist Norden? Das größte Geschenk für uns Menschen ist meiner Meinung nach der freie Wille. Er ist unser Kompass. Für den Löwen ist Norden da, wo er das Überleben des Rudels sichern kann. Was nicht immer leicht ist und die ein oder andere Narbe auf der Löwennase hinterlassen kann. Und nicht nur Narben auf dem Körper schmücken das Dharma eines Löwen. Auch Narben auf der Seele. Zum Beispiel wenn die Jungen einer Löwin vom Konkurrenten getötet werden, damit er seine Gene weitergeben zu kann. Eine schmerzhafte Erfahrung für eine Löwenmama. Dennoch wird sie die Trauer bald überwinden und den Pfad ihrer Bestimmung wieder aufnehmen.

Der Norden unseres Dharmas ist die Liebe. Jeder von uns weiß, dass er von Zeit zu Zeit von dieser Richtung abkommt. Wir toben über den Autofahrer vor uns, der es wagt 48kmh zu fahren, obwohl hier doch 50 erlaubt sind! Wir empören uns über das “schwarze Schaf” in unserem Rudel und finden es unfair, wenn ein geliebter Mensch frühzeitig sterben muss.

Und jetzt wird auch noch die Wirtschaft wegen einem Virus platt gemacht, das wie ein mexikanisches Bier heißt. Vielleicht betrachten wir das unmittelbare Geschehen durch einen Filter. Angst vor der Zukunft, Sorge um den Verlust materiellen Wohlstands oder Gefühle von Machtlosigkeit.

Was bleibt übrig, wenn wir all diese Filter wegnehmen? Ich glaube, dass wir dann die einzige Medizin freisetzen könnten, die wir gerade brauchen: Bedingungslose, allumfassende Liebe. Wir sollten nicht gegen Corona ankämpfen. Genauso wenig, wie die Löwin gegen den Löwen kämpfen kann. Jenseits von Schmerz und Angst wartet ein Neubeginn und seit Hermann Hesse wissen wir: “Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.”

Also los! Aktiviert Euren Kompass wieder. Und falls Ihr es alleine nicht schafft, fragt jemanden, der weiß wie man ihn benutzt. Eine Wanderung nach Norden ist gemeinsam sowieso viel schöner!

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