Der alte Wolf und das Feuer

Ein weiser, alter Wolf teilt sein Wissen. Durch ihn steigen die Überlebenschancen in einem Wolfsrudel enorm. Erfahrung ist wertvoll. Mein Opa hat vor langer Zeit seine Liebe zum Feuer mit mir geteilt. Gerade diese Woche spüre ich eine starke Verbindung zu ihm. Er ist in meinen Gedanken und ich spüre eine altbekannte Wärme in meinem Herzen. Diese Woche vor rund 20 Jahren ist er gestorben.

Als Kind war Opa Franz mein allergrößter Schatz! Wir haben gemeinsam Sachen ausgeheckt, hatten Geheimnisse und wir haben immer zusammen gehalten. Nie hat mein Opa mich in Frage gestellt. Er war mein Zufluchtsort und Trostpflaster, wenn die Erwachsen um mich herum sich seltsam verhielten.

“Mädchen können alles!” hat Opa immer gesagt. Und er hat es auch so gemeint. Noch bevor ich eingeschult war, konnte ich Taktor fahren. Zumindest habe ich das im Kindergarten rumerzählt. Die kleine Nadja saß auf dem Schoß von ihrem Opa, dieser wiederum saß auf dem Sitz seines grünen Deutz. So gestapelt sind wir losgeknattert. Raus aus dem Dorf in die “verkehrsregelfreie” Zone. Das ist da, wo Polizisten noch Augen zum zudrücken haben und du fahren darfst, sobald du mit den Füßen an die Pedale kommst oder wie ich, einen abenteuerlustigen Opa hast! Ich thronte also auf dem Bulldog und rührte mit meinen Kinderärmchen am Steuer und Opa gab mächtig Gas. Erst wenn es “Fünf vor Graben” war, griff er mir ins Lenkrad. Manchmal rutschten wir dann fast vom Sitz und lachten, weil er natürlich nicht das Gas wegnahm! Wir brauchten den Nervenkitzel! Trecker fahren ist eben nichts für Weicheier.

Meine Großeltern waren Winzer. Und während der Traubenlese hatte mein Opa noch einen Nebenjob. Er war dann der Ernte-Entertainer. Anfangs ganz allein für mich. Hat ihm sowieso mehr Spaß gemacht als am steilen Hang seine alten Knochen zu spüren. Zeit mit seinem Enkelchen zu verbringen wirkte wie ein Jungbrunnen auf ihn. Zwischen uns gab existierte eine unergründliche, magische Verbindung. Er strahlte immer Güte und Gelassenheit aus. Mit seiner urväterlichen Weisheit stillte er ganz behutsam meine Neugier. Er wusste immer was sein musste, damit es schön ist. Wenn wir draußen waren, machte er am liebsten ein Lagerfeuer.

Opa Franz sagte folgendes über das Feuer (Achtung moselfränkischer Dialekt): “En Feuer is en Geheischnes*. Unn wenn et mitten am Summer as.” Was ein “Geheischnis” ist, wusste ich damals nicht. Aber was es bedeutet hat mein Opa mir gezeigt, indem er mich an etwas von seiner Wahrheit teilhaben ließ.

“Wir machen ein Feuerchen!”, verkündete Opa im Weinberg. Dann pirschten wir zwischen den Weinstöcken und am Wegesrand umher um kleine, trockene Äste zu finden. Die türmten wir dann über etwas Papier oder Holzwolle auf. Manchmal stellte ich mir vor, Opa hat eine Mini-Holzwolle-Fabrik in seiner Jackentasche. Er hatte irgendwie immer Holzwolle am Start.

Das Feuer war entfacht und anfangs genossen wir noch recht kleines, verhaltenes Flammengezüngel. Schließlich sollte es ungefährlich bleiben, hatte die Oma angemahnt. Aber ein zahmes Teewärmer-Feuer passte nicht zu meinem Opa und mir. So redeten wir uns ein, dass wir im nahen Umkreis längst alle kleinen Äste verheizt hatten. Wir hatten also quasi keine andere Wahl als jetzt auf größeren Brennstoff umzusteigen. Das Feuer brauchte ein Update. Also bewachte ich das Lager und Opa schleppte armdicke, knorzige Äste bei. Es qualmte ordentlich und Opa gab mir ein altes Stofftaschentuch (in seiner Hosentasche gleich neben der Holzwolle-Fabrik) zum vorhalten, damit der Rauch nicht so in den Augen brannte.

Es war mittlerweile Mittagszeit. Die Rauchzeichen lockten mit der Zeit ein paar Leute aus den Erntetrupps der benachbarten Weinberge an. Es knackte und knisterte herrlich in den Flammen und das Feuer entfaltete weiter seinen Zauber. Es wirbelte kaum merklich eine Sehnsucht in uns auf. Ein Bedürfnis nach Gemeinschaft und Einheit. Die fleißigen Lesehelfer versammelten sich geradezu selbstverständlich um unser Feuer. Sie teilten Ereignisse des heutigen Tages, Geschichten von früher und lachten miteinander. Jeder reichte seinem Nachbarn oder Gegenüber etwas zum essen oder schenkte der Runde ein Glas Wein ein.

Am Feuer sind plötzlich alle gleich und höchst willkommen. Am Feuer wird ein Fundus an Erfahrungen geteilt und es werden Entscheidungen getroffen. Am Feuer lodert unser wildes Herz. Am Feuer werden spontan unsere Sinne wieder klar. Am Feuer spüren wir alle diese eine Wahrheit, die tief in uns vergraben ist und die uns alle miteinander verbindet.

“Feurisch” versteht jeder. Mein Opa wusste das. Alle alten Wölfe wissen das. Sobald alle um die Feuerstelle versammelt waren, zog mein Opa sich ein wenig zurück. Er hatte in seinem Leben viele Kämpfe gekämpft, ein paar Krankheiten überstanden. Rituale gaben ihm Sicherheit und Zuversicht. Nach und nach übernahmen andere seine Aufgaben. So ist der ewige Kreis. Mir gefällt der Vergleich mit Wölfen. Sie sind uns in vielem sehr ähnlich.

In einem Wolfsrudel schenken die einzelnen Seelen den Älteren großen Respekt und uneingeschränktes Vertrauen. Ein einziger alter Wolf in einer Gruppe erhöht die Überlebenschancen um 150%. Senioren können strategisch denken und helfen bei der Kindererziehung. Unsere Beziehungen zu den Älteren können sehr wegweisend sein. Heute erinnere ich mich gerne an das zartfühlende Wesen meines Opas zurück. Für das, was von ihm in mir weiter lebt bin ich sehr dankbar. Darum bekommt mein geliebter Opa einen Platz bei HappyWildSoul. Wir sind nicht nur das “Teelicht” im bunt gefärbten Glas, das brav auf dem Tisch steht und kaum den Raum erhellt. In uns glimmt noch immer die Hitze eines sengenden Feuers, dessen Funken überspringen können!

Meine Empfehlung für euch euer eigenes inneres Feuer zu entzünden: Erster Schritt: Feuer machen! Gründet eine “Ohne-Fire-keine-Feier-Gruppe” oder so bei What’s App und verabredet euch. Im Netz findet ihr zum Beispiel Rezepte für Stockbrot. Dazu braucht ihr dann unbedingt einen selbst gerodeten und angespitzten Grillstock! Den gibt es gratis im Wald. Die Grillstockmission ist wirklich nur was für die ganz Mutigen unter uns. Es ist nämlich möglich, dass man im Wald auf das ein oder andere Insekt trifft. Man munkelt auch es gibt im Wald sogar Spinnen! Also unbedingt zu zweit losziehen, falls eine Spinne des Platzes verwiesen werden muss. Wir Frauen haben da so unsere Wahnvorstellungen… Das Vorspiel zur geplanten Feuerorgie (auch eine amüsante Bezeichnung für die Gruppe) kann also schon sehr prickelnd sein.

Am Feuer sind alle gleich. Vergesst Smalltalk. Macht “Bigtalk!” Was vermisst ihr in eurem Leben? Wovon träumt ihr? Wovor habt ihr Angst? Wenn euch etwas belastet was ihr loswerden wollt, könnt ihr die Gedanken aufschreiben und in die Flammen werfen. Einfach mal ausprobieren! Es hilft tatsächlich! Für den heavy stuff braucht es manchmal ein paar Feuerkonferenzen mehr. “Phoenix aus der Asche”! Oft muss etwas zerstört werden, zu Asche werden, damit etwas neues entstehen kann. Feuer kann helfen euch selbst näher zu kommen. Den Tanz der Flammen zu beobachten hat für viele auch etwas sehr meditatives. Euer Geist kann zur Ruhe finden. Und dort in der Stille gibt es viel zu entdecken.

Vielleicht treffen wir uns irgendwann, irgendwo am Feuer…

6 thoughts on “Der alte Wolf und das Feuer

  1. Nadja Meu

    Haha, alle Jungs mögen Traktor fahren! Genießt euer Feuer! Alle Opas werden sich freuen!

  2. Leni und Ralf

    Liebe Nadja, Dir und Deinem Opa vielen Dank für die tolle Geschichte.
    Und morgen Abend werden wir am Feuer sitzen und an Dich und Opa denken ( Ralf denkt dann auch an den Traktor)🚜 😀
    Leni und Ralf
    Voller Spannung erwarten wir Deinen nächsten Beitrag

  3. Silke

    Liebe Nadja, was für ein wunderschöner Text. Voller Liebe zu deinem Opa und dem Feuer. Ich kann dir nur beipflichten. Bei uns gibt es auch keine Feier ohne ein Feuer. Wir haben das Glück eine Feuerstelle in unserem Garten zu haben und nutzen diese regelmäßig.
    Lass das Feuer deiner big five weiter in dir brennen. Ich freue mich auf jeden neuen Text von dir.

  4. Nadja Meu

    Ich habe tolle Reisebegleiter auf meinem Weg! Du gehörst auch dazu! Ich danke Dir für Deine lieben Worte und freue mich sehr auf unser Wiedersehen!

  5. Marianne Pfefferkorn

    Liebe Nadja! Danke dass Du den Mut hattest zu starten, Seite 12 😉! Du hast viel zu geben und schreibst sehr inspirierend! Bitte weitermachen.

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